MMG Bellingen, im Mai

„... eines Tages, als der Markgraf wieder einmal zur Jagd zog, verfolgte er eine Hirschkuh, die fleuchte vor ihm in ein Wässerlein und durchschwamm es. Der Markgraf erfand das Wasser heiß und sprudelnd und badete darin, und alle seine Mannen taten es ihm nach und gesundeten.

So etwa berichteten die Chroniken nachrömischer Zeit von der Entdeckung heilkräftiger deutscher Quellen. Das 20. Jahrhundert jagt weniger nach seltenem Wild als nach Erdöl, erfährt aber dabei ähnliche Überraschungen. Wie zum Beispiel in Bellingen, einem jener vielen sanft verschlafenen Winzerdörfer am Fuß des Schwarzwaldes. Die Petroleumsuche wurde dort in rund 1100 Meter Tiefe eingestellt, die störenden Thermalwässer aber, die sich schon bei 600 Meter fanden, wurden sorgfältig wieder einzementiert. Das geschah 1955. Die Gemeinde indessen ließ es sich nicht verdrießen und rückte dem abgekapselten Schatz mit Hilfe des Freiburger Bergamtes und der gleichen Erdölfirma (der Wintershall A. G., Celle) erneut zu Leibe. Seit Ende November 1956 sprudelt es wieder. Und alsbald kamen die Freiluftgäste und badeten, des Winters ungeachtet, in einem Riesenbottich, in dem früher die Trauben gesammelt wurden. Elsässer, Schweizer und Badener kommen heute, nicht mehr wie die Badegäste im Mittelalter an Krücken und auf Pferden, sondern im Auto zur Quelle.

Erst im August vorigen Jahres ist das neue 12X25 Meter große „Bewegungsbecken“ eröffnet worden. Im Winter ist es mit einer (gemieteten) Zeltplane überdeckt. „Bewegen“ ist besser als Schwimmen. Denn die Therme, die mit 39 Grad Wärme aus der unerschöpflichen Erde schießt, ist eine Kochsalz-Calcium-Chlorid-Quelle mit starkem Gehalt an freier Kohlensäure, die reichlich anstrengt. Warnende Schilder empfehlen eine Höchstbadezeit von fünfzehn bis zwanzig Minuten und raten zu vorherigen ärztlicher Befragung. Es ist ein großer Fortschritt, daß außer dem Bewegungsbecken auch Duschen, Wechselkabinen zum Auskleiden und eine Ruhehalle zur Verfügung stehen. Bis zum Spätherbst soll all das erweitert werden und eine Abteilung mit den ersten vierzehn Wannenbädern hinzukommen. Heilanzeige: Rheuma jeglicher Form, Magen-Darm, Leber-Galle, Frauenkrankheiten.

Das Bad mit einer guten Zufahrtsstraße und rücksichtsvollen Fußwegen liegt zu Füßen der Rebhügel und des reizenden blühenden Dorfes im grünen Gewirr der Rhein-Auen und zählt vorläufig noch zu den „wilden“ Bädern. Die Baseler kommen besonders gern über die 20 km Entfernung herbei; zu ihrem eigenen nächsten Heilbad brauchen sie eine Autostunde und zahlen mutmaßlich mehr als die 1,50 DM, die man in Bellingen verlangt. An manchen Tagen sind von 100 Badegästen 80 aus der Schweiz. Da die kleine Anstalt bis 22 Uhr geöffnet ist, wird sie viel von Berufstätigen aufgesucht. In dieser Vorsaison brachte sie es bereits auf Spitzenzahlen von 1000 Badegästen am Tag; im vorigen Sommer bis auf 2000!

Der Rest steht noch auf dem Papier. Erst soll das Badezentrum fertig werden, dann die normale Wasserversorgung der künftigen Bebauung finanziell gesichert sein, und erst dann sollen Fremdenheime und Privathäuser entstehen, die im Bebauungsplan schon säuberlich eingetragen sind. Vorläufig hat Bellingen nur zwei Gasthöfe und eine Pension. Bei den heute immer mehr zunehmenden Heilbadverschickungen und der vorbeugenden Kuren werden aber wahrscheinlich in absehbarer Zeit alle diese Planhäuser gebaut werden. Der Bürgermeister, ein noch junger, offenbar sehr umsichtiger Mann, will sich und seiner Gemeinde Zeit lassen. Seiner Initiative ist hauptsächlich die Zeitrafferentwicklung dieser knappen zwei Jahre zu danken. Und ihm zu Ehren hat man die Bellinger Therme auf seinen Vornamen getauft: Markusquelle.