War nicht nötig, den neuen Rasierapparat zu kaufen. Der alte, der schon bis Poltawa mit war, hätte es noch getan. Der neue lag in einem seidegefütterten Etui hinter dem Schaufensterglas wie ein Juwel. Der Grund, ihn zu kaufen, war aber: daß es einem heutzutage nicht recht ist, einen alten Schaber auf die Resopalplatte über dem Hotel Waschbecken zu legen.

Wir haben ein unruhiges und unfreies Verhältnis zu unserem Wohlstand. Erst schufen wir ihn; jetzt hat er uns in der Zange. Er läßt uns traben, um ja zu kaufen, womit wir vor dem Wohlstands-Zeitbild bestehen könnten. Hinter diesem Bilde her zerrt es uns in die Warentempel der teueren Straßen, in die Andacht der Verkaufssalons. Wir tun, als hätte es die Hauptverbandsplätze im Ardenner Wald nicht gegeben, die Raucherkarten nicht und die Trecks nicht.

Der Rückblick auf Großvaters Verhaltensweise zeigt nicht, woran eigentlich es lag, daß damals „Geld in den Schatten gehörte“. Heute gehört es mit Gummireifen – schlauchlos – auf die Straße, als Fensterautomatik an die Hausfront, als Importwisky in die Hausbar, als Lamaleder auf die Haut.

Wenn der Zeitlauf mal wieder kippen sollte, werden wir an den Wohlstand dieser Jahre zurückdenken, als hätten wir von ihm nur geträumt. Scheint ganz, als rafften wir heute nur hastig zusammen, was diesen Traum etwas schöner und ein bißchen länger machen könnte. Also wäre es ganz gescheit, ich höbe den alten Rasierer noch, auf – weil er mir vielleicht eher bleibt, als das Juwel in dem seidegefütterten Saffian-Etui, das ich gestern kaufte. H. W.