Das Haupthindernis für alle Pläne, die eine Vereinbarung mit den Russen voraussetzen, sahen aber die meisten Partner meiner Gespräche in den Russen selbst. Wie weit diese Skepsis Folge der russischen Starrheit und wieweit sie, als „Rückkopplung“, selbst wieder Ursache dieser Starrheit ist, lasse ich offen. Mein eigener Eindruck von der russischen Politik ist, daß sie heute zu Konzessionen in Osteuropa weniger bereit ist als in den letzten Jahren, und daß alle Pläne gegen das atomare Chaos heute noch für sie so uninteressant sind wie die abgestufte Abschreckung. Letzteres hängt mit ihrer These totaler Atomabrüstung zusammen. Insofern scheint mir in der Tat der Weg zu allen soeben besprochenen Projekten hinter einer grauen Wand verborgen.

Diese Wand kann sich unversehens spalten, sie kann sich auch als undurchdringlich erweisen. Ist sie undurchdringlich, so heißt das bezüglich Deutschlands, daß die Wiedervereinigung unmöglich ist. Diese Ansicht habe ich vielfach gehört, meist vorsichtig auf die nächsten 10 oder 30 Jahre begrenzt. Bei offenherzigen Gesprächen kam oft die Frage hinterher, ob sie denn überhaupt nötig, ja wünschbar sei. Die dritte. Frage war, wann wir endlich bereit sein würden, die Oder-Neiße-Grenze anzuerkennen.

Daß die Wiedervereinigung den Russen nicht abgetrotzt, sondern allenfalls abgehandelt wefden kann, sieht jedermann. Daß der Preis nicht geringer sein kann als eine drastische Beschränkung der deutschen Rüstung und Räumung Westdeutschlands von westlichen Truppen, erscheint heute fast selbstverständlich. Ein stark gerüstetes wiedervereinigtes Deutschland würden auch viele unserer. westlichen Freunde als eine Gefahr für den Weltfrieden ansehen, und die Frage nach der Oder-Neiße-Linie enthüllt den ersten konkreten Anlaß dieser Sorge. Daß man freilich jetzt die atomare Bewaffnung Deutschlands im NATO-Rahmen einführe, um sie gegen die Wiedervereinigung wieder zu verkaufen, war im allgemeinen nicht die Deutung, die man der Politik der Bundesregierung gab.

Obwohl man natürlich immer einzelne trifft, die sehr genau wissen, was sie für richtig halten, war mein Eindruck von der durchschnittlichen Stimmung gerade politisch intensiv interessierter Kreise in USA gegenüber den europäischen Problemen der der Unsicherheit. Man möchte sich auf die deutsche Effektivität verlassen, die vielfach als der zuverlässigste Faktor in Europa gilt, und behält ihr gegenüber doch ein Unbehagen. Man traut eher bestimmten Personen, wie vor allem dem Bundeskanzler, als bestimmten Programmen. Ich vermute, man würde von Personen, die man als vertrauenswürdig ansieht, auch ziemlich unorthodoxe Vorschläge entgegennehmen und sehr ernstlich erwägen.

Als Schlußbemerkung möchte ich darauf hinweisen, wieviel neue Denkarbeit die durch die technische Entwicklung der Welt entstehenden politischen Aufgaben noch erfordern. Ich habe versucht, überall genau anzugeben,welche Fragen mir schon durchdacht scheinen und welche noch nicht.

Gewiß muß man in der Politik oft Entscheidungen treffen, ohne zu wissen, was das richtige ist. Aber wenn uns das Denken die Entscheidungen nicht abnimmt, so werden uns doch auch die Entscheidungen das Denken nicht abnehmen. So schwierige Denk- und Informationsaufgaben kann kein einzelner lösen. Ich wäre vollauf zufrieden, wenn diese Artikel anderen, die sich an diesen Aufgaben versuchen, einiges Material geliefert hätten.

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