In den letzten Tagen ist zum zweitenmal in jüngster Zeit von einem namhaften Vertreter des Ruhrbergbaues betont worden, daß eine Kohlenpreiserhöhung spätestens im Herbst dieses Jahres durchgeführt wenden müsse, um die im Bergbau eingetretenen Kostensteigerungen auszugleichen. Aus markttaktischen Erwägungen wäre diese Ankündigung verständlich; und als solche sind die Worte des Stinnes-Generaldirektors Heinz P. Kemper wohl auch nur aufzufassen. Aber werden sie wirklich die Kauflust der sich weiter desinteressiert zeigenden Kohlenkäufer anregen können? Gegenwärtig müssen Preisgespräche bei der Kohle theoretische Erörterungen bleiben. Das wissen auch die Verbraucher. Kemper brachte anläßlich der Hauptversammlung der Stinnes-Zechen selbst zum Ausdruck, daß Preiserhöhung gen für Kohle aus Wettbewerbsgründen zur Zeit nicht möglich seien.

Zu den Wettbewerbern um die Gunst der Kohlenverbraucher tritt nämlich in zunehmendem Maße das Heizöl. Die Konkurrenz von dieser Seite hat strukturelle Gründe und ist daher ernster zu nehmen als die der Importkohle. Der Heizölabsatz in der Bundesrepublik steigt seit einigen Jahren rapide. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt 5,334 Mill. t Heizöl abgesetzt, nach 4258 Mill. t. im Jahre 1956. Davon entfallen allein 3,489 Mill. t auf die Industrie. Im ersten Quartal dieses Jahres ist der Heizölabsatz an die Industrie in der Bundesrepublik mit 1,237 Mill. t der bisher absolut höchste gewesen – und er ist weiterhin steigend. Eine entsprechende Tendenz zeigt sich auch beim Hausbrand und im Kleingewerbe. Im Vergleich zu 1954 hat sich der Inlandabsatz an schwerem, mittelschwerem und leichtem Heizöl um rd. 250 v. H. erhöht. Eine noch deutlichere Sprache spricht der Vergleich der Indexzahlen des Kohlen- und Heizölverbraudes der letzten drei Jahre. Auf der Basis 1954 (= 100) ist allein der industrielle Heizölverbrauch auf 265 Punkte in 1957 geklettert, während die entsprechende Zahl für die Kohle nur 120 ausmacht.

Das ist schon eine ernst zu nehmende Situation für den Kohlenbergbau, dessen traditionelle Stellung als Energieträger Nr. 1 damit zwar noch nicht „geknackt“ ist, aber immerhin „unter Beschuß liegt“. Wie jetzt aus Kreisen des Bergbaues zu hören ist, will die Kohle einem „echten Wettbewerb“ nicht ausweichen; es wird aber gefordert, daß er „fair“ sein müsse. Das Heizöl liegt gegenwärtig um 30 bis 40 v. H. unter den Preisen der Ruhrkohle – auf Kalorienbasis umgerechnet. Der Bergbau spricht von Dumpingpreisen. Die Klagen der Zechenleitungen sollten aber auch bis zu den Handelsgesellschaften und Mineralöltöchtern des Bergbaues vordringen; denn an dem „Dumpingwettbewerb“ auf dem Heizölmarkt sind die konzerneigenen und zechenverbundenen Unternehmungen mindestens beteiligt. Nach groben Schätzungen ist ihr Marktanteil mit 45 bis 50 v. H. des gesamten Heizölgeschäftes in der Bundesrepublik anzusetzen! Weiß die eine Hand nicht, was die andere tut? Wer also ist verantwortlich für den – vom Verbraucher her gesehen sehr begrüßenswerten – scharfen Preiswettkampf in diesem Bereich des Energiemarktes, der die Kohle so empfindlich trifft? Wie gesagt: fast die Hälfte des gesamten Heizölabsatzes geht über kohleverbundene Gesellschaften!

Ingrid Neumann