Was ist gut und was ist schlecht?

Ein kürzlich erschienenes Buch, das weit mehr versprach, als es halten konnte, brachte für verantwortliche Redakteure und Lektoren den Terminus "Kulturpapst" wieder in Mode. Ich finde ihn seitdem häufig in (bösen) Briefen.

Ein Kulturpapst also, das ist ein Mann, der gewissermaßen ex cathedra ein unfehlbares System verkündet, nach dem dann leicht zu ermessen ist, was in Kultur und Kunst gut und was schlecht ist, was in Gnaden aufgenommen werden kann und was verworfen werden muß.

Bewundernswerte Männer, diese Kulturpäpste! Warum sie schelten, wo doch so dringend nach ihnen verlangt wird? Leser und Hörer wollen wissen, was sie von einem Buch, einem Theaterstück, einem Bild, einem Gedicht zu halten haben; sie wollen Urteile ex cathedra – so höre ich es allenthalben. Weswegen an Scharlatanen auch kein Mangel ist, die flüchtigen Erfolg gewinnen, indem sie genau das liefern, was gefragt wird.

Neidet den Kulturpäpsten nicht ihren Rang. Jede Unze ihres Ruhms, jeder Zoll ihres Ansehens ist mit Schweiß und Angst verdient. Reden wir gar nicht von Forrestier und Lobsang – reden wir von drei ganz alltäglichen Ereignissen.

Da gibt es also den ex-russischen Maler Poliakoff, und es gibt viele Kunstkritiker, die seinen Namen zu den Sternen und seine Bilder in die fünfstelligen Zahlen hochgelobt haben. Und jetzt kommt nun ein Kunstfreund und, ich glaube, Kunstkenner nach langer und reiflicher Überlegung zu dem Ergebnis, das Sie hier abgedruckt finden. Wie, wenn er recht hätte?

Ein anderes Beispiel: Kurz nacheinander gehen zwei Hamburger Premieren über zwei Bühnen: Ostrowskijs "Eine Dummheit macht auch der Gescheiteste" im Thalia-Theater und Schehadés "Geschichte von Vasco" im Schauspielhaus. Freundlicher Beifall im Thalia, und ein sehr kluger Mann urteilte: großartig! Unfreundliche Proteste im Schauspielhaus und der wohl mäßigste Applaus, den ich in dieser Spielzeit gehört habe. Der Kulturpapst nach meinem Geschmack hingegen würde urteilen: "Eine Dummheit macht auch der Gescheiteste" – mißlungene Aufführung eines ziemlich verstaubten Stückes, die auch durch einige gute Schauspielerleistungen nicht mehr zu retten war; "Die Geschichte von Vasco" – wirklich großes Theater, mit leichten Schönheitsfehlern in der dramatischen Komposition, die nichts bedeuten gegenüber einer vortrefflich gelungenen Inszenierung, in der jede Rolle meisterhaft gespielt war. Was sollte ich nun empfehlen? Mir meiner ganz unpäpstlichen Fehlbarkeit wohl bewußt: "Die Geschichte von Vasco."

Als drittes ein höchst erschreckendes Beispiel: Ein (prominenter) Lyriker sieht das Gedicht des Meisters, den er verehrt. Nur steht der Name des Meisters nicht dabei. Was wird aus dem Gedicht? "Ein Mist; die heute schon allzu übliche Schmiererei; etwas, das auf keinen Fall hätte gedruckt werden sollen." So, wörtlich und nachweisbar, der Lyriker über den verehrten, aber im kritischen Moment leider anonymen Meister.

Und die Moral? Daß derjenige der Kunst und den Kunstfreunden einen schlechten Dienst erweist, der ein dogmatisches System dort verkündet oder verkündet hören möchte, wo – ehe die reine Subjektivität der Mode und des Geschmacksurteils anfängt – doch nur die Regeln eines Glasperlenspiels gelten – Metrik, Philologie, Komposition, Kontrapunkt, Harmonie, Linienführung, Technik... Ach, es gilt wahrhaftig noch genug zu beherrschen, ehe das Handwerk gemeistert ist! Regeln und Maßstäbe gibt es schon; aber nicht der unfehlbare Kulturpapst vermag sie zu setzen, sondern nur der sich seiner Fehlbarkeit lächelnd bewußte – Spielmeister. R. W. Leonhardt