Als drittes ein höchst erschreckendes Beispiel: Ein (prominenter) Lyriker sieht das Gedicht des Meisters, den er verehrt. Nur steht der Name des Meisters nicht dabei. Was wird aus dem Gedicht? "Ein Mist; die heute schon allzu übliche Schmiererei; etwas, das auf keinen Fall hätte gedruckt werden sollen." So, wörtlich und nachweisbar, der Lyriker über den verehrten, aber im kritischen Moment leider anonymen Meister.

Und die Moral? Daß derjenige der Kunst und den Kunstfreunden einen schlechten Dienst erweist, der ein dogmatisches System dort verkündet oder verkündet hören möchte, wo – ehe die reine Subjektivität der Mode und des Geschmacksurteils anfängt – doch nur die Regeln eines Glasperlenspiels gelten – Metrik, Philologie, Komposition, Kontrapunkt, Harmonie, Linienführung, Technik... Ach, es gilt wahrhaftig noch genug zu beherrschen, ehe das Handwerk gemeistert ist! Regeln und Maßstäbe gibt es schon; aber nicht der unfehlbare Kulturpapst vermag sie zu setzen, sondern nur der sich seiner Fehlbarkeit lächelnd bewußte – Spielmeister. R. W. Leonhardt