Von Wilhelm Lehmann

Unsere Beziehung zur Kunst ist seit mehr als U. hundert Jahren immer intellektueller geworden. Das Museum zwingt zu einer Auseinandersetzung mit allen Ausdrucksmöglichkeiten der Welt, die es in sich vereint; sie müssen hier auf ihr Gemeinsames befragt werden. Durch die Folge und den offenbaren Gegensatz der verschiedenen Schulen erweckt das Museum über die bloße Augenlust hinaus die Verpflichtung zu einem heroischen Unterfangen: angesichts der Schöpfung die Welt noch einmal neu zu schaffen.

So gibt André Malraux einem seit langem bekannten Tatbestand Ausdruck. Es lag nahe, nun zu fragen, ob sich nicht nur bildende Kunst und Musik, ob sich nicht auch die Dichtung solcher Weltoffenheit gegenüber anders zu orientieren habe.

Im englischen Rundfunk warf kürzlich Donald Davie diese Frage auf: aber, bemerkte er, die Sprache der bildenden Künste sei international, die der Dichtung national; so sei eine völlige Revolution hier nicht möglich. Eliots Dichtung The Waste Land sei von allen möglichen Stücken aus anderen Sprachen durchspickt; Ezra Pound habe seine Cantos mit chinesischen Lettern gesprenkelt, Yeats bleibe ohne japanisches No-Spiel und indische Philosophie unverständlich. Resultiere aus diesem Besuch des imaginären Museums oft eine satirische oder snobistische Aufschmückung, so sei im ernsten Falle eine gebundene, nur von sich selbst abhängige, also schöne Form des Gedichts nicht mehr möglich, und der Dichter, der immer noch nach einer einfachen, selbständigen Form trachte, zu Geringem, wenn nicht zu bloßem Provinzialismus verdammt. Wenn ein Robert Graves und sein Leser auf die Freude am gebundenen Gedicht nicht verzichteten, so könne man damit sympathisieren, aber die Frage bleibe, ob Graves und sein Leser damit nicht der dichterischen Größe, der major poetry, entsagten: jedenfalls verkenne Graves die heutige Situation.

Donald Davies Rundfunkgedanken riefen den Dichter Robert Graves selbst auf den Plan: ob solcher Provinzialismus unbedingt Ignoranz bedeute, ob es nicht den Dichter gäbe, der sich nicht immerfort im imaginären Museum herumtreibt, sich vielmehr ernsthaft auf die Tradition seiner Sprache und Kultur besinnt und mit diesem Pfunde wuchert zu Nutzen seiner eigentümlich heimischen Dichtung. Obgleich gerade ihm, Robert Graves, anthropologische Arbeit hohen Ranges zugestanden werde, er zudem im Ausland lebe, fühle er sich keineswegs gekränkt, wenn man ihn für einen geringeren Dichter halte, der anachronistische, aber in sich vollständige und geschlossene Gedichte schreibt. Er bezweifle, ob es überhaupt möglich sei, mehr als eines jener zielen fremden Kulturmuster im Englischen zu akklimatisieren, und stimme Robert Frost bei, der das Poetische als das definiert, was in einer Übersetzung verlorengeht, Auch die elastischste Sprache der Welt könne sich die idiosynkratichen poetischen Traditionen Afrikas und des Fernen Ostens nicht einverleiben: Davie verwechsle die Begriffe modern und modernistisch.

Wie verhält sich solcher Problematik gegenüber der deutsche Betrachter, er, in dessen Bezirk nach dekadenlanger Absperrung die neue Weltliteratur 1946 kataraktmäßig wieder einfiel (ein Prozeß, den zu untersuchen dem Historiker aufbewahrt bleibt)?

Wenn Dichtung Dichtung bleiben und nicht zu Ingenieur verschweißung erstarren soll, wird es auf den Grad der Einverleibung aller herbeiströmenden Elemente ankommen. Ergriffenheit und Staunen wird der zeugende Grund der Dichtung bleiben, solange der Mensch aus Fleisch und Blut besteht und seinen Sinnesorganen Vertrauen schenkt. Stiehl, mein Sohn, für deine Ehrlichkeit! muß es heißen.