A. M. Paris, Anfang Juni

Mit einer gewissen Belustigung schaut sich der Pariser Karikaturen zum Thema „Ausländische Touristen in Paris“ an, wie sie seit dem Pronunciamento von Algier insbesondere in der angelsächsischen Presse erscheinen. Da kam man einen englischen Automobilisten sehen, der zu Hause seinen Wagen mit dem Gepäck für Piris belädt. Zwei MPs lehnen an der Karosserie, und die Gattin wird gefragt: „Hast du die Stahlhelme und das Tränengas eingepackt?“ Ganz aus der Luft waren solche Vorstellungen allerdings nicht gegriffen. Englands größtes Boulevardblatt, der „Daily Mirror“, hatte nämlich eine dramatische Schilderung von Tausenden mit hochbepackten Autos, fast wie 1940, aus Paris flüchtenden Franzosen gebracht. Der Verfasser des Artikels mußte aber sogleich den stellvertretenden Vorsitz im hochfeinen angloamerikanischen Presseklub zu Paris niederlegen, und die Redaktion druckte einen öffentlichen Widerruf. Die Pariser waren an jenem Sonntag ganz einfach zu Tausenden, wie sie das an den schönen Frühlingssonntagen immer tun, ins Grüne gefahren.

In einer revolutionären Situation befindet sich Frankreich als Ganzes nämlich noch nicht. Gewiß ist es mit jener apathischen Stimmung, die zu Beginn der Staatskrise so auffiel, seit dem Massenaufmarsch der Linken zu Ende. Kommunistische Stoßtrupps beginnen sich mit rechtsextremistischen Kommandos zu prügeln. Aber das sind doch ausgesprochene Minderheiten. Krawalle dieser Art verlieren sich in einer Großstadt wie Paris doch recht bald. Am Triumphbogen schlägt man sich und einige hundert Meter weiter geht das Leben weiter wie bisher. Der Franzose des Mutterlandes in seiner übergroßen Mehrheit will einfach seine Ruhe haben; er erwartet nichts mehr – wie noch in den dreißiger Jahren – von einem gewaltsamen Umsturz und ärgert sich recht sehr über die unruhigen Landsleute in Algerien drüben. Er hat de Gaulle gerufen, weil er von dem General eine Aufrechterhaltung der Ruhe erwartet.

Wir haben sogar Klagen von enttäuschten Touristen hören müssen, die eigens nach der französischen Hauptstadt gekommen waren, um sich ein wenig Revolutionsgruseln beibringen zu lassen. Die Pariser saßen trotz politischer Wirren und Nöte wie immer vor den Cafés, die Bouquinisten boten wie immer ihre Aquarelle von Notre-Dame oder der Place du Tertre an, und Kartoffeln – nun, davon hat es ja für die deutschen Touristen in den französischen Restaurants schon immer zuwenig gegeben. So photographiert man denn die zahlreichen Kolonnen von Überfallwagen in der Nähe der Ministerien oder der Kammer, in denen sich langweilende Gendarmen tagelang Karten spielen.

Damit sei allerdings nicht gesagt, daß der Reisende kein Risiko eingeht, wenn er heute nach Frankreich fährt. Obwohl der erste, von den Kommunisten versuchte Generalstreik gegen die „stille Machtübernahme“ an de Gaulle ein Mißerfolg war, ist es doch möglich, daß es zu neuen Streikversuchen kommt. Und die könnten gerade bei den Eisenbahnen, in denen die radikaleren Gewerkschaften über starke Positionen verfügen, Erfolg haben. Der Reisende, der nicht im eigenen Wagen kommt, muß also immer mit der Möglichkeit rechnen, daß sein Aufenthalt durch höhere Gewalt ein wenig ausgedehnt werden könnte. In einem Provinznest kann das unter Umständen unangenehm sein; in der Hauptstadt an der Seine kann man sich das eher gefallen lassen, falls die Reisekasse ausreicht. Ein Streik der Banken liegt nie so nahe wie einer bei den Verkehrsmitteln.

Kurzum: ein Grund zur Panik ist nicht da. Der Tourist braucht die Sorgen der Franzosen nicht zu teilen und braucht sich nicht durch die Vorstellung schmecken zu lassen, er könnte in Blutbäder hineingeraten. Aber gegen unangenehme Situationen weniger dramatischer Art gibt es keine Versicherung. Auch das muß er sich vor Augen halten.