Rom, Anfang Juni

Italien hat gewählt – aber die politische Lage ist nicht klarer geworden. Im Gegenteil: Die Bildung einer stabilen Regierung in Rom erscheint jetzt fast noch schwieriger als zuvor.

Einerseits konnte die katholische Democrazia Cristiana einen unerwarteten Stimmengewinn verbuchen: in der Abgeordnetenkammer ist sie von 40 auf 42,2 v. H. und im Senat von 39,8 auf 41,2 v. H. vorgerückt, auch ist die neofaschistische und monarchistische Rechtsopposition beinahe bis zur Bedeutungslosigkeit zusammengeschrumpft; andererseits aber haben die laizistischen Parteien der Mitte eine moralische Niederlage erlitten, während der Block der Linksradikalen seine Stellung verstärken konnte (er errang in der Kammer 36,9 v. H. – früher 35,3 – und im Senat 35,9 v. H. – früher 32,1). Die geringfügigen Fortschritte der Saragat-Sozialisten und der Liberalen Malagodis fallen dagegen nicht ins Gewicht; beide Parteien sind unterhalb der Fünf-Prozent-Schwelle geblieben. Die Republikaner haben ihre Sitze im Senat sogar ganz verloren. Durch die klägliche Lage dieser Gruppen wird die Bildung einer stabilen Regierung auf demokratischer Grundlage nicht eben erleichtert.

Vier Faktoren haben den Christlichen Demokraten zu ihrem Wahlerfolg verholfen. Einmal haben viele Italiener, die ursprünglich mit den Liberalen, Sozialdemokraten und Republikanern liebäugelten, unter dem Eindruck der turbulenten Vorgänge in Frankreich sicherheitshalber für die größte gemäßigte Partei gestimmt. Dann haben die Frauen, die 52 v. H. der Wählerschaft ausmachen, dem Aufruf der Kirche zur Unterstützung der Christlichen Demokraten ziemlich geschlossen Folge geleistet, wie im übrigen die antiklerikale Propaganda die Masse der nicht links festgelegten Bürger kaltgelassen hat. Schließlich haben auch noch Hunderttausende von Süditalienern den Monarchisten und Neofaschisten den Rücken gekehrt und ihre Stimmen zum großen Teil der Democrazia Cristiana gegeben.

Die Abkehr vom Rechtsextremismus wurde im städtischen Proletariat Neapels und in den ärmsten süditalienischen Landbezirken am augenfälligsten. Der Mythos des Großreeders Laura ist zerbrochen: Dem unermeßlich reichen Führer der Volksmonarchisten sind nicht einmal drei v. H. der Wählerstimmen zugefallen. Die Einsetzung eines römischen Kommissars in die Stadtverwaltung von Neapel ist ihm zum Verhängnis geworden – vielleicht nicht einmal so sehr, weil dadurch seine kommunale Mißwirtschaft aufgedeckt wurde, als vielmehr deswegen, weil er nun nicht mehr aus einer Verwaltungs- und Prestigeposition der Stärke in den Wahlkampf ziehen konnte. Zum Teil aber ist der politische Erdrutsch in Süditalien gewiß auch der Lohn für die erfolgreichen zehnjährigen Bemühungen der christlichdemokratischen Regierungen, die Wirtschaft des unterentwickelten Mezzogiorno zu fördern.

Bedrohlich bleibt auch weiterhin die Phalanx der Linksradikalen. Trotz Entstalinisierung, Posen und Ungarn, trotz des Abfalls namhafter italienischer Intellektueller und eines gewissen Überdrusses, der in der aufgeweckten norditalienischen Arbeiterschaft gegenüber der KP spürbar geworden ist, haben die Kommunisten ihre Position in der Kammer gehalten (22,7 v. H.; früher 22,6) und sie im Senat sogar verbessert (jetzt 60 statt früher 51 Sitze).

Den italienischen Linkswählern hat auch diesmal eine zugkräftige Alternative zum Kommunismus gefehlt. Die hin- und herpendelnden Sozialisten vermochten ihnen diese nicht zu bieten. Zwar sind Nenni einige örtliche Einbrüche in die norditalienische Wählerschaft Togliattis gelungen. Doch wiegt das von der KP erzielte Plus von 580 000 Stimmen schwerer als die Zunahme der Sozialistenum fast 760000 Wähler. Denn mindestens zur Hälfte ist der sozialistische Stimmengewinn auf den Anhang zweier Splitterparteien zurückzuführen, die voriges Jahr in Nennis Partei eingeschmolzen worden sind.