Ah Ruhpolding, Anfang Juni

Die Touropa ist das größte europäische Reiseunternehmen, und Dr. Carl Degener, ehemals Arbeitsamtsdirektor in Bremen, ihr geschäftsführender Gesellschafter. Ihm ist es gelungen, den ehedem bescheidenen und stillen oberbayerischen Ort Ruhpolding in fünfundvierzigjähriger unablässiger Bemühung zum „Zielort der meistgekauften Gesellschaftsreise Deutschlands“ zu machen. Die Ruhpoldinger wissen das zu schätzen und haben ihn zu ihrem Ehrenbürger ernannt.

Ungefähr so etwas hat sich auch der sagenhafte Berliner Gustav Schnaase in Ludwig Thomas lustigem Roman „Altaich“ erträumt. Aber sein Autor starb zu früh; sonst hätte er Schnaase, in Erkenntnis der kommenden Entwicklung und des unaufhaltsamen Fortschritts, bessere Chancen gegeben. Schnaase mußte 1918 noch an der Geschäftsuntüchtigkeit der biederen Voralpendörfer scheitern. Der Entdecker Ruhpoldings fand .1933 ein aufgeklärteres Geschlecht vor. Seitdem am Pfingstsonntag jenes auch sonst markanten Jahres der erste Ferienzug auf sein Betreiben 380 Norddeutsche in das bis dato stillverlorene Nest im schönen Chiemgau trug, verwandelte sich das einstige Gasthaus zum „Alten Wirt“ in ein Kunsthaus mit einem Festsaal für 900 Personen, verwandelten sich 400 buntgewürfelte Bauernbetten in 5000 weiße Hotelbetten, von denen die Klasse C (es gibt vier Bettklassen für die verschiedenen Zahlungsfähigkeitsgrade) mit fließendem Warmwasser verbunden ist. Heute kann von ländlicher Primitivität keine Rede mehr sein. Jeder kann wohnen wie zu Hause, jeder der jeweils etwa 350 Besucher von Rhein, Ruhr und Waterkant, die nun aber nicht ein- oder zweimal, sondern gegen 150mal im Jahr aus den prächtigen Liegewagen des Fernexpreß in das Gesellschaftsparadies schwärmen, findet die gewünschten Bequemlichkeiten vor, die er als Großstädter beanspruchen kann.

Man soll aber nicht sagen, das Fremdenverkehrsgeschäft drohe dem angestammten Wesen des Ortes, drohe Land und Bevölkerung seinen Charakter zu nehmen. Im Gegenteil: der wohlorganisierte Kontakt der „Ausländer“ (so nennt der echte Bayer alle Nichtbayern) mit den Einheimischen und ihrer sprichwörtlich urwüchsigen Gewohnheiten macht die sorgfältig gepflegte Hauptanziehungskraft der Ruhpolding-Reisen aus. Jeder eintreffende Touropa-Zug wird auf dem Bahnhof schon von einer original-oberbayerischen Blaskapelle mit der Nationalhymne, dem „Holzkackerbuam“, empfangen und von dem zweifellos naturgewachsenen Ortsoriginal Sepp Zeller mit einem garantiert echten Juchzer begrüßt. Und die Trachtenvereine, „D’Rauschenberger“ und „D’Miesenbacher“, sorgen dafür, daß keiner wieder abreist, ohne das unvergeßliche Erlebnis einschlägiger Volksbräuche vom Schnadahüpfl bis zum Fingerhakeln mitzunehmen. (Dies alles eben wollte seinerzeit beim seligen Gustav Schnaase in Altaich noch nicht funktionieren.)

Es gibt freilich unmoderne Menschen, die meinen, so ganz und gar echt wäre das doch wohl schon nicht mehr, mit einem derartig routinemäßig vorexerzierten Volkstum. Lassen wir es dahingestellt – hingestellt auf den Ruhpoldinger Bahnsteig und in den Kunsthausfestsaal. Der Ethnograph ist hier nicht gefragt. Das Wort hat der Fremdenverkehrsstatistiker. Seine Zahlen (zum Beispiel: 34 000 Touropa-Gäste in Ruhpolding 1957) geben der Touropa-Kalkulation Recht. Und Recht gibt ihr die Treue jener 29 Berliner Ruhpolding-Veteranen und Veteraninnen von 1933, die als Ehrengäste zum 25-Jahr-Jubiläum in Ruhpolding dem stahlblauen Zuge entstiegen, von Ehrenbürger Degener mit Handschlag willkommen geheißen. Recht gibt ihr auch die internationale Resonanz der erstaunlichen Ruhpolding-Legende, die sich in der Teilnahme von italienischen, slovenischen, schweizerischen und österreichischen Volksgruppen mit ihren Lärm-, Musik- und Tanzspezialitäten am festlichen Jubeltrubel äußerte. Ruhpolding ist ein Symbol. Ein Symbol für den Sieg des Warenhausstils, dem unser Jahrhundert gehört.