Von Werner Ross

Romani!“, reden mächtige Plakate die Römer an, „denkt auch in den kleinen Dingen des täglichen Lebens daran, daß ihr Römer seid, gebt Zeugnis von eurem Bürgersinn, erinnert euch, was Italien und die Welt euch verdanken!“

Der Fremde liest gerührt diesen Appell des Oberbürgermeisters von Rom, angeschlagen an einer Mauer zwischen Palatin und Kapitol. Er denkt an die einzigartige Kontinuität dieses Namens, an die Vitalität dieses Volkes, das zwischen Ruinenfelder seine Hochhäuser baut, und ergeht sich in teils historischen, teils poetischen Betrachtungen.

Die so hochgemut angeredeten Römer aber hasten oder bummeln an den Plakaten vorbei und schenken ihnen so wenig Aufmerksamkeit wie den Wahlparolen und der Apéritifreklame daneben. Sie sind eine Weltstadtbevölkerung wie andere auch: geschäftig und müßiggängerisch, lebenshungrig und lebenslustig, skeptisch und gutmütig, ohne Geld und voller Sehnsüchte, in riesigen Wohnblocks kaserniert oder in vollgestopften Straßenbahnen und Autobussen, in flinken Kleinautos und auf knatternden Motorrädern unterwegs. Sie sehen Rom nicht wie die Touristen als eine feierliche Parade von Ruinen, Basiliken und ehrwürdigen Palazzi mit ein paar Cafés zum Ausruhen, sondern als eine gewaltige Ansammlung von Wohnhäusern, Geschäften und Kinos mit ein paar alten Steinen dazwischen.

Was an Stadttradition in den Römern lebendig ist, knüpft sich nicht an cäsarischen Glanz und päpstliche Majestät, sondern an das behaglichdeftige Rom der guten alten Zeit, an den derben Dialekt, das „Romanesco“, und die volkstümlichen Dichter, die sich seiner bedienten – den guten alten Belli, der mit seinem altmodischen Zylinder in Stein gehauen am Eingang von Trastevere steht, und den sanften Satiriker Trilussa, der noch kein Denkmal hat, weil er erst vor kurzem starb.

Einer der bedeutendsten Romane der letzten Zeit, Carlo Emilio Gaddas „Quer pasticciaccio brutto de via Merulana“ („Diese verdammte Patsche von via Merulana“), ist nicht nur – ein italienisches „Berlin Alexanderplatz“ – mitten im römischen Ambiente angesiedelt, sondern ganz mit dem Stil-Firnis des römischen Dialekts überzogen, mit den saftigen, schmatzenden Vokabeln und Wendungen der Volkssprache durchsetzt, keine „Heimatdichtung“, sondern das Werk eines raffinierten Stilkünstlers und Sprachbastlers, der dem Volk aufs Maul schaut und sich an seinen Stilblüten und Unverblümtheiten erfrischt.

Wer literarisch nicht so hoch hinaus will oder kann, geht ins Teatro Rossini zu Checco Durante und sieht sich eine römische Komödie an, zum Beispiel „Civisse Romanus summe“, die köstliche Parodie auf das bürgerliche Römerpathos für Feiertagsgelegenheiten.