Kairo im Juni

Die ersten zarten Blüten einer beginnenden Aussöhnung zwischen Washington und Kairo sind über Nacht von einem harten Frost wieder zerstört worden.

Libanons Beschwerde beim Weltsicherheitsrat, in der der Vereinigten Arabischen Republik vorgeworfen wird, sie habe sich in die inneren Angelegenheiten des Libanon eingemischt, hat bei den diplomatischen Vertretungen in Kairo viel Unruhe verursacht. Zwar hat die US-Botschaft in Kairo mit allem Nachdruck abgestritten, daß Washington sich in irgendeiner Weise in die Vorgänge im Libanon eingemischt habe. Aber es gibt wohl kaum einen Menschen in der Vereinigten Arabischen Republik – und wahrscheinlich auch keinen Diplomaten des afro-asiatischen Blocks –, der das glaubt. Die Politiker am Nil sind heute fester denn je davon überzeugt, daß es den USA nur darauf ankommt, die neue Republik und ihren Präsidenten Nasser zu demütigen.

Hier in Kairo hatte man mit zurückhaltender Freude bemerkt, daß etwa um die Zeit des Moskaubesuchs von Präsident Nasser die amerikanische Außenpolitik auf eine freundliche Haltung gegenüber der arabischen Republik einschwenkte. Kaum war Nasser von seiner Reise zurückgekehrt, erhielten die ägyptischen Zeitungen denn auch die Weisung, ihre anti-imperialistischen Haßgesänge – jedenfalls sofern sie gegen die USA gerichtet waren – etwas zu dämpfen. Doch schon am nächsten Tag erklärte Dulles auf einer Pressekonferenz, der Libanon sei zu seiner Beschwerde beim Weltsicherheitsrat vollauf berechtigt gewesen. Man kann es den Ägyptern vielleicht nicht verübeln, wenn sie diese Äußerung des US-Außenministers vergleichen mit dem, was er zu den Vorgängen in Frankreich sagte. Da hieß es, er könne nicht Stellung nehmen, da es sich hierbei um eine rein innerfranzösische Angelegenheit handele.

Wieso das? fragten sich die Ägypter: Stillschweigen über ein europäisches Land auf der einen, aber unbegründete Anschuldigungen im Falle einer arabischen Nation auf der anderen Seite. Die Folge war eine sehr scharfe Erklärung des Informationschefs der Vereinigten Arabischen Republik gegen die Einmischung der westlichen Imperialisten – ganz besonders der Amerikaner – in die inneren Vorgänge des Libanon.

Die Regierung in Kairo ist sich indes offenbar klar darüber, daß sie bei einer Verhandlung im Weltsicherheitsrat wohl einen schweren Stand haben würde und womöglich nur durch ein sowjetisches Veto gerettet werden könnte. Gerade dies aber wäre, so scheint es, Nasser sehr wenig lieb: Er möchte seine Dankesschuld gegenüber Moskau nicht noch mehr vergrößern. Die Politiker in Kairo sind offensichtlich durch jene sowjetische Note sehr nachdenklich gestimmt worden, in der – in Bezug auf den Libanon – von Spannungen „an unseren südlichen Grenzen“ die Rede war. Immer zielte die Politik Nassers darauf ab, den östlichen und den westlichen Einfluß im Nahen Osten in der Waage zu halten. Jetzt erkennt man in der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Republik, daß ein weiterer – und sei es nur ein propagandistischer – Erfolg der Russen die Waagschale zu östlichen Gunsten senken könnte.

Rawle Knox