Von Wolf gang Ebert

Im avantgardistisch angehauchten Royal Court Theatre in London sah ich kürzlich einen satirischen Einakter, der von einem Ehepaar handelt, das sich einen Elefanten angeschafft hat. Da die Elefanten-Firma ihn irrtümlich zwei Nummern zu groß lieferte, paßte er nicht ins Wohnzimmer und mußte darum im Garten bleiben.

Nun ja, dachte ich so bei mir, ist ja recht ulkig, aber doch reichlich unwahrscheinlich – diese Satiriker, sie können’s doch nicht lassen.

Eine Woche später fuhr ich im Auto auf Düsseldorf zu. Da überholte mich ein grüner Straßenkreuzer mit amerikanischer Kenn-Nummer. Auf den Vordersitzen saß ein unverkennbar brav-bürgerliches Ehepaar. Im Rückfenster erblickte ich, was ich für einen von diesen Stofftigern hielt, die sich bei uns häufig fortschrittsgläubige Industriegewaltige als Maskottchen mitnehmen.

Dieser Tiger benahm sich allerdings gar nicht so, als ob er aus Stoff sei. Er bewegte sich nämlich, und zwar recht lebhaft. Er interessierte sich besonders für die Landschaft, aber auch für mich und einen neben mir fahrenden Lastwagen.

Ich muß wohl einen ziemlich fassungslosen Eindruck auf den Tiger gemacht haben. Jedenfalls wandte er, der in der Tat und zweifellos lebte, sich von mir mit einem etwas befremdeten Gesichtsausdruck ab, so, als wollte er sagen: „Diese Provinzler! Wohl noch nie einen Tiger gesehen!“

Kurz darauf, diesmal im Rückfenster eines deutschen Wagens: wieder ein Tiger! Nanu, denke ich, sind wir nun auch schon so weit? Wo bekommen die nur die vielen Tiger her? Irrtum meinerseits: Der war echt, ich meine, aus Stoff. Also sind sie uns in Amerika doch roch ein ganzes Stück voraus.

Jetzt befürchte ich nur eines: daß Sie das für eine Satire halten. Ach, wenn es doch eine wäre! Wo sollen wir armen Satiriker bloß noch Stoffe herbekommen, wenn die Stofftiger durch lebendige abgelöst werden? Die Wirklichkeit ist uns nicht nur auf den Fersen – sie hat uns bereits überholt! Und hinten im Rückfenster, da sitzt ein Tiger und feixt...