Ungekrönte und gekrönte Häupter

Von E. A. Greeven

Schon als Wilhelm Waetzoldt seinen "Niccolo Machiavelli" schrieb, klagte er über das kaum mehr zu bewältigende Schrifttum, das sich um den vielgeschmähten und heiß umstrittenen Florentiner angesammelt hatte. Inzwischen ist noch manches hinzugekommen – Kluges und Überflüssiges. Und doch bleibt selbst heute noch in einigen Punkten diese Gestalt rätselvoll und schwer deutbar; so wie wir auch kein einziges authentisches Bild von ihm besitzen, das zu seinen Lebzeiten geschaffen worden wäre, sondern nur recht unterschiedliche postume Porträts, die nicht klar Auskunft geben. Von dem Gedanken ausgehend, daß ein Mann wie Machiavelli allein verständlich wird vor dem Hintergrunde seiner Zeit, der politischen Verhältnisse im damaligen Florenz und des Schachspiels der großen Akteure, hat ein Franzose jetzt sein Werk auf breiter Basis aufgebaut:

Marcel Brion: "Machiavelli und seine Zeit"; Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf-Köln; 343 S., 19,50 DM.

Die Stärke dieser fleißigen und fundierten Biographie liegt in einer ausführlichen Schilderung der Umwelt Machiavellis, in einer klaren Darlegung der Machtkämpfe innerhalb und außerhalb des Stadtstaates und in den Lichtern, die auf ausgesprägte Typen der Zeit – die bedenkliche Gruppe der Condottieri oder einen naiven Fanatiker wie Savonarola – fallen.

Solche Ausführlichkeit war geboten, da es in Brions Absicht lag, Machiavelli nicht so sehr als Theoretiker der Politik, sondern in seiner Eigenschaft als aktiven Politiker im Dienste seiner Stadt und ihrer Machthaber herauszustellen. Daher werden auch seine diplomatischen Missionen an auswärtige Höfe in teils wichtigen, teils recht untergeordneten Angelegenheiten eingehend behandelt, wobei Brion seinem "Helden" wohl etwas zuviel Gewicht beimißt. Der äußerst geschickte und skrupelfreie Machiavelli, der zweifellos vortrefflich zu "finassieren" verstand, war bei den Missionen niemals der offizielle Vertreter von Florenz; man benutzte ihn stets nur als begleitenden Helfer, als klugen Agenten oder "privilegierten Spion", wie Friedrich II. ihn einmal unfreundlich titulierte.

Etwas Zwiespältiges – wovon jedoch Brion nicht spricht – liegt über der ganzen Existenz dieses Florentiners und verleiht ihm am Ende seines Lebens eine gewisse Tragik. Er entstammte einer Familie von zweifelhaftem Adel, auf den er dennoch Wert legte; und er mußte die längste Zeit in kleinbürgerlichen Verhältnissen zubringen. Er war ein begeisterter Demokrat – und lehrte die hohe Schule absolutistischer Fürsten und Diktatoren. Er war sich seiner überragenden Intelligenz vollauf bewußt – und saß als Sekretär der Staatskanzlei auf einem Posten, den Brion als Kanzleischreiber bezeichnet, während Carlo Schmid ihn immerhin mit einem Ministerialdirektor vergleicht. Er besaß in hohem Maße den Ehrgeiz, sich als Handelnder und Tatmensch zu bewähren – und blieb doch, inmitten einer Überfülle von Tatmenschen, der Mann ausgeklügelter Theorien. Seine Tragik war, daß gerade seine geistige Stärke die Fähigkeit zu eigenem Handeln schwächte; er überkompensierte die eigene Tatschwäche durch die extreme Betonung rücksichtsloser Gewalt in seinen Schriften. Er schrieb, was zu leben ihm nicht vergönnt war. So ließe sich vielleicht manches Rätsel seiner Gestalt erklären.

Vom Prinzen Wilhelm, dem Oranier, wird berichtet, daß er Machiavellis Buch vom Fürsten in schlaflosen Nächten, deren er viele gehabt haben mag, oftmals zur Hand genommen und aufmerksam studiert habe. Daß Schweigen zumeist klüger und nützlicher ist als Reden, brauchte er nicht erst vom Florentiner zu lernen; denn in dieser Weisheit hatte sich der kleine, lutherisch gesinnte Graf aus Dillenburg, der als Knabe durch unerwartete Erbschaft zum reichbegüterten Prinzen von Oranien aufstieg, am katholischen Hofe der Schwester Karls V., der Regentin Maria, schon in früher Jugend ausgiebig geübt. Die Kunst zu schweigen und zu verschweigen, hat ihm in den Niederlanden den Ehrentitel "de Zwijger" eingebracht, doch seine politische und menschliche Bedeutung liegt auf einer anderen, einer höheren Ebene.

Ungekrönte und gekrönte Häupter

Über ihn ist in vortrefflicher Übersetzung eine Biographie von der Hand einer holländischen Schriftstellerin erschienen, die sich seit Jahren der Historie zugewandt hat:

Henriette L. T. de Beaufort: "Wilhelm von Oranien"; C. H. Beck Verlag, München; 268 S., 15,– DM.

Die Arbeit beruht auf ernsthaftem Studium und ist zuverlässig in allen Angaben, nimmt einen objektiven Standpunkt ohne Einseitigkeit ein und erreicht darstellerische Höhepunkte in den Charakteristiken der Hauptfiguren im Ringen um Freiheit und Unabhängigkeit der Niederlande. Das Ganze ist geschrieben mit der Herzenswärme einer klugen Patriotin, die in dem kühl rechnenden, aus politischen Erwägungen religiös toleranten Oranier das eigentlich Bedeutende und Große erkannt hat: daß er mit unerhörter Willensstärke und Zähigkeit sein ganzes Leben – zwischen zanksüchtigen Calvinisten, Lutheranern und Katholiken geschickt lavierend – der Sache des niederländischen Volkes opferte und, ehe er sein Werk vollenden konnte, durch Mörderhand sterben mußte. Das Land der Freiheit, das er schaffen wollte, sah er nur im Geist von ferne.

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Es ist belanglos, ob die Kaiserin Maria Theresia den Anti-Machiavelli des preußischen Kronprinzen gelesen hat oder nicht, denn schon sehr bald, nachdem Friedrich II. König geworden war, ließ er seiner jugendlichen Stilübung wesentlich andere Taten und Maximen folgen, die ihn in den Augen dieser als Mensch und als Herrscher wahrhaft großen Frau für immer zum "bösen Mann" Europas machten. Friedrich war sicherlich die genialere Erscheinung: ein höchst komplizierter, zwiespältiger Charakter mit dämonischen Zügen – und im Tiefsten ein verbittert Einsamer. In Maria Theresia hingegen vereinigten sich die gesunden Kräfte einer sehr weiblichen, stark mütterlichen Frau mit dem fromm-naiven Bewußtsein ihrer hohen Verantwortung für den Bestand einer traditionsschweren Dynastie.

In Friedrich steckte ein lebensfeindliches Element, das sich zu Zeiten zynisch entlud; in Maria Theresia schafften die lebensfrohe Prunklust des Barock, ihre unbeschwerte Freude an Theaterspiel und Tanz einen heilsamen Ausgleich gegen die drückende Last der Staatsgeschäfte.

Hugo v. Hofmannsthal und Carl J. Burckhardt haben uns beide liebevolle und feinsinnige Deutungen Maria Theresias gegeben, der eine mehr ihre unbeugsame Seelenstärke betonend, der andere mehr den Akzent auf das mütterlich Bewahrende legend. Daneben blieb durchaus Raum für das Verdienst eines Mannes, der uns in einem historisch klug abwägenden Werk das umfassende Bild der großen Kaiserin geschenkt hat:

Ungekrönte und gekrönte Häupter

Peter Reinhold: "Maria Theresia"; Insel-Verlag, Wiesbaden; 357 S., 19,80 DM.

Bei aller Verehrung für Maria Theresia übersieht Reinhold durchaus nicht ihre menschlichen Schwächen, die doch zum Gesamtbild gehören: Sie war oft eigensinniger, als politische Klugheit ihr hätte gestatten dürfen, verschwenderischer, als es die Finanzlage zuließ, und im Alter herrschsüchtiger, als ihre Familie und der Hof ohne Seufzer ertrugen – und das alles, weil sie eine große, echte Frau war!

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Daß Karl XII. von Schweden 1682 geboren wurde, ist gewissermaßen ein Anachronismus; denn er war als Persönlichkeit und König in all seinem Tun ausschließlich ein "Held", und Helden seiner besonderen Prägung gehörten von Rechts wegen nicht mehr in seine Zeit. Er wurde in ganz Europa berühmt durch abenteuerliche Siege und ebenso abenteuerliche Gewaltritte; er blieb ein Held in verzweifelten Niederlagen und jahrelanger Internierung; er brachte sein Land an den Rand völligen Ruins und kämpfte besessen weiter, bis eine mysteriöse Kugel aus dem Hinterhalt den 36jährigen Helden auslöschte.

Und sein Volk liebt ihn noch heute! Trotz und wegen seiner ebenso faszinierenden wie gefährlichen Einmaligkeit. Der kluge, skeptische Voltaire hat als erster eine Geschichte Karls geschrieben, und es bleibt erstaunlich, wie hellsichtig der rationale Franzose das Außerordentliche in dem irrationalen Schweden witterte und verstand; sein Büchlein ist noch heute eine fesselnde Lektüre. Wer sich eine moderne Biographie Karls auf breiter und wissenschaftlicher Grundlage aller Quellen wünscht, dem sei ein neues Werk dringend empfohlen:

Frans G. Bengtsson: "Karl XII."; K. F. Koehler Verlag, Stuttgart; 540 S., 19,80 DM.

Der schwedische Historiker Bengtsson ist in Deutschland bereits durch zwei Bücher rühmlich bekannt geworden; ein ernsthafter, aber keineswegs trockener Gelehrter, ein Mann, der seinen geschichtlichen Stoffen eine ungemein lebendige, gelockerte und kunstvolle Darstellung zu geben vermag und mit einem halb humorvollen, halb sarkastischen Lächeln das Getriebe der Welt betrachtet. Seine Biographie Karls des Zwölften, die in der deutschen Ausgabe aus guten Gründen gekürzt erscheint, vereinigt wiederum alle Vorzüge seines Wissens und seiner Diktion.

Ungekrönte und gekrönte Häupter

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Als die Queen Victoria 1901 starb und Eduard VII. den englischen Thron bestieg, war er bereits sechzig Jahre alt und hatte jahrzehntelang auf aktive politische Betätigung warten müssen. Seine Mutter hatte ihn geflissentlich von allen Geschäften und Aufgaben ferngehalten, und das Resultat war ein Prinzenleben mit allzuviel Vergnüglichkeiten und allzuwenig Befriedigung. Daß er aber politisch sehr klare und durchdachte Vorstellungen und Ziele hatte, bewiesen die neun Jahre seiner späten Herrschaft. In dem Buche der amerikanischen Journalistin

Virginia Cowles: "Der lebenslustige König"; H. Scheffler Verlag, Frankfurt; 368 Seiten, 16,80 DM

wird dem Leser eine reiche Ausbeute an mehr oder weniger amüsantem Hof- und Gesellschaftsklatsch dargeboten, wobei man zum Beispiel auch erfährt, was und wieviel Eduard VII. zu Tages- und Nachtzeiten an Leckerbissen zu konsumieren vermochte. Es war in der Tat beträchtlich; das Buch hingegen ist es im übrigen leider nicht.