Die Erörterung im Teil 1 der vorigen Nummer ist also ein unmittelbarer Kommentar zu unserem Satz. Wir würden dort aber auf die Überkreuzung zwischen dem globalen und dem regionalen Lösungsversuch geführt, das heißt, zwischen einem möglichen international vereinbarten Verzicht auf weitere Verbreitung der Atomwaffen und der Zusammenfassung großer Teile der Welt in zwei atomar bewaffnete Blöcke. Die erste Lösung ist, so scheint mir, viel wünschenswerter, aber die zweite ist leichter zu erreichen, und es läßt sich nicht wohl leugnen, daß sie immer noch besser ist als eine Vielzahl nationaler Atomrüstungen. Wollen wir die beiden Lösungen ernstlich vergleichen, so müssen wir uns fragen, welche konkreten Aussichten auf eine annehmbare Verwirklichung. jede von beiden unter den tatsächlichen Verhältnissen in Europa hat.

Die Einteilung Europas in zwei Blöcke bedarf keiner näheren Beschreibung; sie stellt im wesentlichen den derzeitigen Zustand dar. Grob gesagt, garantiert sie heute der westlichen Hälfte Europas die Freiheit und den Kapitalismus, der östlichen den kommunistisch verstandenen Sozialismus und die Unfreiheit. Sie garantiert damit einen Zustand, der – wiederum grob gesagt – den Völkern Westeuropas und vermutlich auch dem russischen Volk willkommen, den nichtrussischen Völkern Osteuropas drückende ja verhaßt ist. Sie garantiert heute die Spaltung Deutschlands; sie wird, solange sie unerschüttert fortdauern kann, die Spaltung und den Frieden Europas garantieren. Die atomare Bewaffnung der NATO ist dazu angetan, sie weiter zu stabilisieren. Ob das Einfrieren solcher Spannungen einen dauerhaften Frieden ermöglichen wird, ist zweifelhaft, ob wir uns mit einem solchen Zustand zufriedengeben dürfen, nur weil wir keinen anderen zu schaffen wissen, ist eine schwere Gewissensfrage an jeden von uns.

Haben wir. irgendeine Möglichkeit, diesen Zustand zu ändern? Durch einseitige Gewalt oder Drohung können wir es nicht. Jede Lösung wird der Zustimmung der Sowjetunion bedürfen, wird daher auch ein echtes Interesse der Sowjetunion selbst befriedigen müssen. Ein solches Interesse kann im wirtschaftlichen Feld, es kann in einer Beruhigung des osteuropäischen Krisenherdes,, es kann in einem Abbau der von der Sowjetunion gefürchteten militärischen Bedrohung durch den Westen liegen.

Der Aufbau meines Berichts legt es nahe, zunächst das militärische Interesse zu betrachten. Ohne Zweifel fühlt sich die Sowjetunion durch das weltweite amerikanische Stützpunktsystem bedroht. Es hielt sehr schwer, meinen russischen Gesprächspartnern den Gedanken nahezubringen, es handele sich bei diesen Stützpunkten nicht um Angriffsäbsichten; der Westen habe vielmehr die Sowjetunion aus Angst eingekreist. Ohne Zweifel ist auch gerade ein stark gerüstetes Deutschland für die Russen ein Alptraum. Wir mögen völlig recht haben mit unserer Überzeugung, daß ein paar deutsche Divisionen, selbst mit taktischen Atomwaffen, die mächtige Sowjetunion nicht bedrohen können – wir können aber damit die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß jeder Russe, der heute in einer verantwortlichen Stell: ist, als eine der tiefsten Erlebnisse seines Lebens den verzweifelten Verteidigungskampf seines Volkes gegen den deutschen Angriff von 1941 in seiner Erinnerung eingebrannt trägt.