Von Rudolf Walter Leonhardt

Die Zeiten sind wohl vorbei. Es ist freilich so sehr lange noch gar nicht her, da erschien Amerika manchem europäischen Museumswärter als ein zwar technisch hoch entwickeltes, nein: technik-tolles Land, das jedoch einen bedauerlichen Mangel an "Kultur" aufzuweisen habe.

Für den Teil der Kultur, der in der Literatur Ausdruck findet, hat solche Weltsicht gewiß nur noch Kuriositätswert. Sie ist glücklicherweise auch hierzulande kaum mehr anzutreffen.

Im Gegenteil, wer von Amerikas Beitrag zur Weltliteratur redet, läuft beinahe Gefahr, offene Türen einzurennen. Ist Amerika heute nicht schon allenthalben führend – auf dem Theater, im Roman, von anderen Erzählformen zunächst gar nicht zu reden?

Über das Theater ließe sich streiten. Vor allem die Franzosen (auch jene in Paris lebenden Dramatiker nicht französischen Ursprungs eingeschlossen) hätten da noch ein Wort mitzureden. Vielleicht auch die Engländer, die von den Versdramen Eliots und Frys über die raffinierte Bühnentechnik der Rattigan und Home bis zum Neo-Realismus des jungen Zorns immerhin eine beachtliche Spannweite vorzeigen können.

Beim Roman neigen wir dazu, wegen der Jahre, die uns zwischen 1933 und 1945 fehlen, die Daten ein bißchen schief ins Blickfeld zu bekommen. Der allenthalben und allgemein anerkannt große amerikanische Roman von heute ist eigentlich noch immer der Roman von 1929.

Das war ein interessantes Jahr. Vier Romane erschienen damals, von vier Schriftstellern – eben den Schriftstellern, die auch heute noch gemeint sind, wenn wir von den großen amerikanischen Romanciers reden, und die fast gleich alt sind. Fünf Jahre nur trennen den Ältesten ( Faulkner, geb. 1897) vom Jüngsten (Steinbeck, 1902).