Der Herausgeber ließ sich leiten von dem (bei amerikanischen Kurzgeschichten seit Bret Harte naheliegenden) Gedanken, durch seine Zusammenstellung einen Spiegel amerikanischen Lebens zu geben. Er will zeigen, "wie nahe das Bild des amerikanischen Menschen dem europäischen Menschenbild gekommen, wie abendländisch es geworden ist". Das erscheint mir als eine ebenso fragwürdige wie, als Auswahlprinzip, ungeeignete Hypothese.

Großes vorgenommen hat sich die Übersetzerin der dritten Sammlung von amerikanischen Kurzgeschichten, welche hier anzuzeigen ist:

Moderne amerikanische Kurzgeschichten, 160 S.; Klassische amerikanische Kurzgeschichten, 152 S.; Jüngste amerikanische Kurzgeschichten, 144 S.; alle Bände zweisprachig, ausgewählt und übersetzt von Maria von Schweinitz, Verlag Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München; je Band 4,80 DM.

Bei der Auswahl hat es offenbar eine Rolle gespielt, daß die Bücher (in abwaschbare, kräftige Pappdeckel gebunden) auch für den Schulgebrauch bestimmt sind, daß die einzelnen stories also möglichst nicht zu lang und nicht zu gewagt sein sollten. Und die Herausgeberin hat dabei eine besonders glückliche Hand gehabt. Übrigens kehrt – freundlicher Zufall oder löbliche Absicht – keine der bei Manesse ausgewählten Geschichten wieder. Wer Englisch zu lehren oder zu lernen hat, könnte diese Bände ebenso nützlich finden wie derjenige, der einfach amerikanische Kurzgeschichten gern im Original lesen möchte, dabei aber lieber auf eine Übersetzung schielt, als im Lexikon blättert.

Diese letzte Verwendungsart ist besonders zu empfehlen; dafür reicht auch die Übersetzung vollkommen aus. Den deutschen Text allein zu lesen, ist nicht immer eine Freude, da ihm die vorbildliche Stilreinheit der Manesse-Übersetzung abgeht.

Und für den Schulgebrauch sollten Lehrer, die sich ihres eigenen Englisch nicht ganz sicher sind, wohl gewarnt werden: die Übersetzerin ist es nämlich auch nicht. Für sie war das Vorhaben, eine Übersetzung zu liefern, bei der das Original zur Kontrolle direkt daneben steht, tollkühn.

Ich habe nur die story "Miriam" von Truman Capote in den beiden Fassungen verglichen und dabei, neben einigen Ungeschicklichkeiten und Ungenauigkeiten, auch zwei Schnitzer gefunden, die sich in einer Abiturarbeit gar nicht gut machen würden. Her hair was casually waved heißt wohl kaum (wie die Übersetzerin meint) "ihr Haar war gelegentlich onduliert", sondern: ihr Haar war nicht sehr sorgfältig onduliert: she boarded a Lexington Avenue bus heißt sicher nicht "sie stieg in der Lexington Avenue in einen Bus", sondern sie stieg in einen Bus, der zur Lexington Avenue fuhr.

Übersetzen ist erstens Glückssache und zweitens ökonomisch nicht sehr rentabel. Die Manesse-Ausgabe zeigt, daß trotzdem Übersetzungen möglich sind, die auch denjenigen, der des amerikanischen Englisch nicht mächtig ist, mit kaum geschmälertem Genuß teilhaben lassen können an dem wichtigsten amerikanischen Beitrag zur Weltliteratur.