Von Walter Jens

Kein Zweifel, wir sind Alexandriner. Wir kennen die Stile, aber wir haben keinen Stil. Wir schauen nicht voraus (Gott sei Dank, wer weiß), wir blicken zurück. Wir sammeln, unsere Heimat ist das Museum, unser Ideal die Hollerithmaschine des Geistes. Nichts entgeht uns, denn das System ist perfekt: unmöglich, daß ein Genie heute unentdeckt bliebe! In einer Zeit, da selbst das Mittelmaß sorgfältig analysiert wird, braucht niemand zu befürchten, daß ein unerkannter Hölderlin unter uns lebt. Wir sind auf Vollständigkeit bedacht und registrieren genau. Kaum ist ein Dichter gestorben, schon macht man sich an die Herausgabe seines Gesamtwerks – Briefbände und Tagebücher erscheinen, "Nachlaß" ist das Zauberwort der Stunde.

Auch von dem letzten der gestorbenen großen Dichter haben wir jetzt ein opus postumum:

Gottfried Benn: "Primäre Tage, Gedichte und Fragmente aus dem Nachlaß"; Limes Verlag, Wiesbaden; 95 S., 6,80 DM.

Der Untertitel trügt jedoch; denn in Wahrheit handelt es sich um Parerga und Paralipomena: zwei Drittel der aufgenommenen Gedichte sind bereits veröffentlicht; manches ließe sich zweckmäßiger im Briefwechsel mit F. W. Oelze publizieren; anderes erscheint als Variation von schon Bekanntem; Novitäten sind im Grunde nur die undatierten Zeilen aus dem letzten Jahr: Erinnerung und Turin II.

Kurzum, der Nachlaßband enthüllt sich als eine Nachlese auf bereits gemähtem Feld. Was der Dichter in sympathischem Gleichmut beiseite ließ, für die Gesamtausgabe überging oder gar vergaß, sammelte der Erbe. Wenn man die Dinge beim Namen nennt, ist dagegen nichts zu sagen. Nur die Eile ist ärgerlich: Warum die frühzeitige Publikation der Fragmente, solange noch manche Prosaskizze aussteht? Weshalb schon jetzt etwas veröffentlichen, von dem man nicht sicher weiß, ob der Autor es für eine Gesamtausgabe in Betracht zog, wenn eben diese Edition bereits geplant ist, die alle, auch die von Benn verworfenen, Strophen enthalten soll?

Das Interessante des vorliegenden Bändchens liegt also darin, daß es sich – zumindest zur Hälfte – um Gedichte handelt, die der Produzent für Nebenwerke hielt: vergessene Zeilen, Strophen zweiter Wahl. Hierin, meine ich, liegt das Geheimnis der "Primären Tage"; hier zeigt sich die Genialität eines Mannes, der selbst in Gelegenheitsarbeiten, Zeitschriftenstudien, Adressen und Entwürfen nie unter das einmal festgelegte Niveau ging.