Siebzig Seiten und keine einzige schlechte Zeile! Noch im Bruchstück, in Torso und Aperçu, klingt ein unverwechselbarer Ton an, ertönt eine Melodie von unvergeßlicher Struktur. Gerade das Beiläufige zeigt ja die Qualitäten des Autors, die Skizze entlarvt seine Handschrift. Gottfried Benn hat keine Dekuvrierung zu befürchten – auch der kleinste Splitter verweist auf das Ganze und spricht von der Pranke des Meisters.

In der Tat, es dürfte, vielleicht mit Ausnahme des einen Valéry, keinen Autor der Moderne geben, der seiner Mittel so sicher war und so souverän über sein Metier verfügte wie Gottfried Benn. Gewiß, sein Vokabular war klein, die Motivskala beschränkt, die Sentenzen wiederholten sich von Werk zu Werk, Sprache und Rhythmus hielten an einmal als verbindlich erkannten Gesetzen fest – ein großer Bogen von Rönne bis Apreslude! Aber innerhalb dieses Feldes, auf abgestecktem, freiwillig begrenztem Terrain gab es kein Straucheln und Zögern, keine Abschweifung und kein laissez faire. Hier galt allein die Verpflichtung der Meisterschaft – hier wurde nach dem Maßstab jener Klassizität gemessen, die sich seit den Tagen der Griechen immer wieder in der Erfüllung der gesetzten Norm bestätigt: zuerst, sehr menschlich, die Definition der Grenze, danach, im Wettstreit mit dem Gott, der Versuch, den erwählten Bezirk für immer bewohnbar zu machen.

Die erste Betrachtung, zwischen der "Rönne"-Zeit und der Veröffentlichung der gesammelten Werke vom Jahre 1923, galt der Erlösung vom Fluch der Form, der Befreiung des Ich durch Droge, Rausch und Vision. Der Gebannte, in der Begrenzung der Individualität Eingekapselte verlangt nach Entformung – einem Verströmen in der Weite südlicher Räume.

Dabei ist es bezeichnend, daß die Poesie gerade jenen Raum des mare nostrum verklärt, dessen mediterrane Luzidität, eben noch ersehnt, schon auf die Umkehr des Prozesses verweist: der Erlösungsbegierige findet zu neuem Maß und neuer Begrenzung. Tyrrhenische Inseln ... Ligurisches Meer... ein Tal mit weißen Pappeln... die Ilissos-Senke: in der Nomenklatur deutet sich bereits jene Synthese an, die sich zwischen 1928 und 1934 abzeichnete und in der berühmten Berliner Akademierede von 1930 ihren legitimen Ausdruck fand.

Nicht im Raum, sondern in der Zeit, nicht in der Weite, sondern in der Tiefe, in der Begegnung zwischen Anfang und Ende vollzieht sich die Kommunikation von Halluzination und Konstruktivismus, von Vorwelt und Moderne. "Tiefe", "Alter", "Primär", "Ur" erscheinen als Zentralworte; immer wieder kreisen die Gedanken um die Schöpfungsfrühe eines vorbewußten Äons, um die Mächtigkeit des Mythos, die Zeit der Isis-Priester und Magier, der großen Beschwörer eines fruchtbaren Chaos.

Ein gefährlicher Weg: Wer dem "Aufbruch des Blutes" vertraut, verirrt sich schnell in trunkener Anbetung der Primitivität und verliert die ursprüngliche These nur zu bald aus den Augen! Nicht zufällig wurde gerade Benn zum militanten Verfechter einer dorischen Kriegerethik, nicht zufällig enthüllte der Kniefall von 1933 die Gefahren der Flucht – leicht trüben sich dem die-Augen, der immer nur die Frische des Anfangs, die Magie der "alten Dinge" Verherrlicht und darüber die Aufgabe des Erben vergißt.

Erst auf der letzten Stufe, nach 1936, in der Bitternis des Verzichts, gelang dem Dichter Benn jene große Vereinheitlichung aller Motive, auf die sein Werk von Beginn an hinzielte. Ur und El-Alamein, die Tage Ruths und die Spuren der Jäger münden in die Gegenwart ein. Nicht nach Überwindung der "mythenalten Feindschaft zwischen dem Ich und der Welt" zu trachten, sondern das Unvereinbare anzuerkennen und die Gegensätze bestehen zu lassen, lautet das Gesetz eines Spätwerks, in dessen Zentrum die Worte "Schweigen" und "Stille" stehen. Gestaltung, nicht Überwindung, Kälte, nicht Pathos ist dem Autor aufgegeben: das Locken der Frühe in "spätem Gesang" zu vergessen! Nur der Schweigende stellt, im Wissen um Endlichkeit und Begrenzung, die Dinge so dar, wie sie wirklich sind.