Die Sperrung der sowjetischen Kredite für Jugoslawien auf fünf Jahre traf die Wirtschaft Titos zwar recht unverhofft, doch wird sie diesen Rückschlag mit einigen Anstrengungen überwinden können. Mit den zugesicherten 184 Millionen Dollar, an denen sich die Sowjetzone zu 20 Mill. am Bau eines Aluminiumwerkes beteiligen wollte, sollten vor allem die jugoslawischen Bergwerke modernisiert werden.

Sehr schmerzlich wurde Belgrad durch die Einstellung der sowjetischen Zeitungspapierlieferungen getroffen, die weit unter den Weltmarktpreisen erfolgten, so daß alle Tageszeitungen des Landes vorübergehend wegen Papiermangels einmal in der Woche ihr Erscheinen einstellen mußten. Die in den Konstruktionsabteilungen verschiedener Großbetriebe arbeitenden sowjetischen und sowjetdeutschen Fachleute haben Jugoslawien verlassen, um einen „Erholungsurlaub“ anzutreten.

Die sowjetische Hilfe hat sich wieder einmal als ein Danaergeschenk erwiesen, da verschiedene Betriebe, die nun halbfertig und mit sowjetischen Maschinen ausgerüstet sind, künftig keine Ersatzteile mehr bekommen werden. Das trifft sowohl für die jugoslawische Kabelindustrie in Novi Sad wie für das Eisen- und Stahlwerk in Jesenice zu.

Die Jugoslawen sind mit den sowjetischen Lieferungen bisher recht unzufrieden gewesen. Man konnte sich bisher immer nur damit trösten, daß die Waren unter den Preisen des Weltmarktes geliefert wurden. So hatte die JAT vor Monaten zwölf sowjetische Passagierflugzeuge vom Typ Iljuschin erworben, die im jugoslawischen Inland-Flugverkehr eingesetzt werden sollten. Die jugoslawischen Flugkapitäne stellten diesen Maschinen aber ein schlechtes Zeugnis aus, und den Fluggästen waren sie zu unbequem. Die Maschinen wurden deshalb wieder aus dem Verkehr gezogen und dafür amerikanische Convair-Maschinen eingesetzt. Ebenso unbeliebt sind die sowjetischen Traktoren, die zuviel Treibstoff verbrauchen, für die jugoslawischen Bodenverhältnisse ungeeignet sind und deshalb unbenutzt am Feldrand oder auf den Bauernhöfen verkommen!

Vor einigen Monaten trafen auch mehrere hundert Wagen des Typs „Moskowitsch“ ein, über die sich die jugoslawischen Autofahrer sehr entrüsteten, da sie liederlich aus schlechtem Material dem alten Opel-Kadett nachgebaut sind. Da kein einziger sozialistischer Betrieb bereit war, einen „Moskowitsch“ zu erwerben, mußten diese Wagen staatlichen Dienststellen aufgedrängt werden.

Gegenwärtig bemüht sich Belgrad, einen Ausweg aus der wirtschaftlichen Isolation zu finden. Die Jugoslawen möchten gern einen 400-Millionen-DM-Kredit von der Bundesrepublik erhalten. Das Land baut aber auch seine Beziehungen zu den afro-asiatischen Staaten weiter aus. In Ägypten bohren Fachleute nach Öl, das in jugoslawischen Raffinerien verarbeitet werden soll, nachdem die sowjetischen Öllieferungen auch eingestellt worden sind. Jugoslawien steht in der ägyptischen Ausfuhr an zweiter Stelle und beabsichtigt, das Handelsvolumen mit Kairo noch wesentlich zu erhöhen. Aber auch hier wird sich Tito auf sowjetische Querschüsse gefaßt machen müssen Seit langem bildet Belgrad Tausende von ägyptischen Fachleuten aus, was Moskau ein Dorn im Auge ist. Deshalb sollen nach dem jüngsten sowjetischägyptischen Abkommen 15 Fachschulen für Arbeiter in Ägypten errichtet werden.

Über den zweifelhaften Wert der sowjetischen Wirtschaftshilfe für Jugoslawien kursiert in Belgrad ein Witz: Marschall Tito unterhält sich eines Abends mit Vizepräsident Kardelj. Dieser betrachtet den Sternenhimmel und sagt: „Genosse Marschall, die Sterne erinnern mich an die sowjetische Hilfe.“ „Wieso?“ fragte Tito. „So nah und doch so fern“, erwiderte Kardelj. H. L.