Von Gottfried Sello

Paris, im Juni

Ist es sehr frivol, in diesen Wochen, wo in Paris die wichtigsten politischen Entscheidungen fallen, sich über die Rolle dieser märchenhaften Stadt als Kunstmetropole ein paar Gedanken zu machen? Regierungen kommen und gehen, und auch in der Kunst wechseln die Strömungen, die Schulen, die Konstellationen.

Was für abenteuerliche Karrieren gibt es in Paris, nur in Paris! Ein Maler schlägt sich durch, hungert sich durch, und über Nacht ist er berühmt, er wohnt noch in der alten Wohnung, in der etwas kümmerlichen Straße, aber vor der Tür des schäbigen Hauses wartet der Rolls Royce, mit livriertem Chauffeur. Hier in Paris ereignet sich, was man aus Romanen kennt, was man bei Balzac liest: wie ein junger Mann zureist, aus der Provinz oder aus dem Ausland, mit Talent und Ehrgeiz und einem Koffer voller Hoffnungen und einem ungedeckten Scheck auf die Zukunft, und wie er’s entweder schafft und nach oben kommt oder vor die Hunde geht.

Die Namen, die Strömungen wechseln. Aber Paris bleibt konstant. Seine Rolle als Kunststadt Nummer eins bleibt unverändert, ist nicht zu erschüttern. Im Quartier Latin diskutiert man über Kunst – und wie sollten Staatskrisen das ewige Gespräch unterbrechen können! Die Galerien werden besucht wie immer, kein Tag ohne irgendeine bemerkenswerte Vernissage. Aus dieser Perspektive rangieren die Maler und Bildhauer entschieden vor den Politikern. Und wer wollte behaupten, diese Perspektive sei falsch oder auch nur verzerrt! Welche Namen wird man schneller vergessen: Pflimlin, Coty, Salan – oder Picasso, Mirò, Chagall?

Die Kunstmetropole Paris wird durch die Seine in zwei ungleiche Hälften geteilt: die Rive Droite und die Rive Gauche. Die Galerien am rechten Ufer sind, im allgemeinen, anspruchsvoller, eleganter, seriöser – die am linken Ufer kleiner, intimer und aufregender. Rechts gibt man sich eher konservativ, links avantgardistisch. Aber es laufen genügend Brücken über die Seine, von einem Ufer zum andern.

Wieviel Galerien mag es an beiden Ufern geben? Das ist statistisch genauso wenig auszumachen wie die Zahl der Maler und Bildhauer, die in Paris leben. 200 Galerien, 1500 Ausstellungen im Jahr, 10 000 Künstler – diese Zahlen sind wohl eher noch zu niedrig gegriffen. Außerdem ändern sie sich andauernd. Schon wieder stehen in einem Schaufenster ein paar Bilder, wird ein Keller in eine Galerie verwandelt. Da eröffnet eben am Boulevard Haussmann ein Bilderrestaurator eine Nouvelle Galerie, und was er ins Geschäft steckt, ist seine private Bildersammlung, seine Freundschaft mit einigen bekannten Malern und – seine attraktive Tochter.