Viereinhalb Millionen Ausländer haben im vergangenen Jahr die Bundesrepublik besucht, im Durchschnitt zwei Nächte in deutschen Hotelbetten zugebracht und uns einen Devisensegen von über anderthalb Milliarden Mark beschert. Mit dieser erfreulichen Statistik wartete die Deutsche Zentrale für Fremdenverkehr bei ihrer Jahrestagung in Wiesbaden auf. Die Übernachtungszahlen haben sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt, die jährlichen Deviseneinnahmen aus dem Fremdenverkehr mehr als vervierfacht. So kann es natürlich nicht weitergehen; sonst wäre in spätestens fünfzig Jahren bei 3,1 Milliarden Fremdenmeldungen der Zustand erreicht, daß jeder Bewohner der Erde jährlich einmal nach Deutschland kommt...

Im Jahre 1957 übernachteten im Tagesdurchschnitt 25200 Ausländer zwischen Flensburg und Garmisch. Hätten sie sich gleichmäßig über das Bundesgebiet verteilt, so wäre auf jede Gemeinde, von Hamburg bis Hintertupfingen, mehr als einer gekommen, denn die Bundesrepublik zählt 24 500 Dörfer und Städte. Etwas größer ist die Zahl der Gasthöfe, Hotels und Pensionen in unserem Lande; es dürften etwa 30 000 sein. 601 685 Fremdenbetten standen im vergangenen Jahre zur Verfügung – rund 63 Prozent mehr als vor fünf Jahren. Am stärksten stieg die „Bettenkapazität“ in Niedersachsen (216 Prozent), am geringsten in Schleswig-Holstein (34,2 Prozent) und Rheinland-Pfalz (36,6 Prozent). Aus den von der Deutschen Zentrale für Fremdenverkehr mitgeteilten Zahlen läßt sich leicht errechnen, daß die ausländischen Reisenden pro Tag im Durchschnitt 160 Mark ausgegeben haben – eine recht beträchtliche Summe ...

Man sollte sich allerdings durch die Fremdenstatistik, aus der so etwas wie ein „deutsches Reisewunder“ hervorschimmert, nicht zu grenzenlosem Optimismus verleiten lassen. Die Berichte der vierzehn Außenstellen, die die Fremdenverkehrszentrale unterhält – fünf in Amerika, je eine in London, Brüssel, Paris, Lissabon, Rom, Zürich, Amsterdam, Kopenhagen und Stockholm –, beweisen, wie empfindlich der große Fremdenstrom auf Umstände reagiert, die von der Verkehrswerbung nicht zu beeinflussen sind: auf politische Ereignisse, auf Stimmungen und Verstimmungen verschiedenster Art. Die Suez- und Ungarnkrise zum Beispiel haben viele Reiselustige in Übersee veranlaßt, Europa aus ihrem Programm zu streichen; das hat sich noch 1957 empfindlich ausgewirkt. Für die Bundesrepublik wurde dieser Nachteil allerdings mehr als ausgeglichen durch die verstärkte Einreise von Engländern und Franzosen. Entscheidend für diese Entwicklung war nach Ansicht aller Auslandsvertretungen der Deutschen Zentrale für Fremdenverkehr die Tatsache, daß die Bundesrepublik im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Ländern keine Benzinrationierung eingeführt hatte. (In England wurde die Rationirung erst im Mai, in Frankreich im Juli 1957 gelockert.) Erleichterte Einreiseformalitäten und wohlgefüllte Tankstellen haben mehr zu jenem „Reisewunder“ beigetragen, als jede noch so geschickte Werbung für die Sehenswürdigkeiten unseres Landes. Man kann daraus schließen, daß auch für die Zukunft neben der Erhaltung der Geburtshäuser Goethes und Schillers noch viele andere Dinge für den Fremdenverkehrserfolg ausschlaggebend sein werden: bessere Straßen, billigeres Benzin, mehr Fremdenbetten in den Hauptreisegebieten, großzügigere Bestimmungen über Polizeistunde und Ladenschluß, mehr Komfort auch in den Orten, die ein wenig abseits liegen – und das alles ohne wesentlichen Preisanstieg. Nur wenn wir diese und einige andere Vorteile zu bieten haben, werden wir auch in den nächsten Jahren die Fremdenverkehrsstatistik mit Genugtuung lesen können. Heinrich David