Das Tournee-Theater

Nur ein Viertel der deutschen Theaterbesucher geht an die Kasse so, wie man einen Laden betritt, um etwas zu kaufen, das man haben möchte: ein Stück, eine Aufführung, einen Darsteller. Der übrige Rest genießt Kundenrabatt. Bei den "Abonnenten" handelt es sich ganz merkantil um Mengenrabatt. Bei den "Besucherorganisationen" ist er nach mit einer sozialen Hypothek belastet: Theater für alle, erst recht für die wirtschaftlich Schwachen.

Unsere Theater sind voll. Den weitaus größten Besucheranteil stellen jedoch die Organisationen mit der sozialen Hypothek. Sie können gar nicht genug bekommen, müssen Mitgliedersperren verhängen und fordern seit vier Jahren: Baut neue Theater, baut größere Theater, baut Theater für die Besucherorganisationen. Was das wahre Volkstheater kosten würde, steht auf einem andern Blatt.

Dennoch, die Abgeordneten der Stadt- und Länderparlamente freuen sich des Zuspruchs aus dem "sozialen Sektor". Dies, obwohl die allgemein schon zu sechzig Prozent subventionierten Theaterplätze für die Besucherorganisationen zum zweiten Male subventioniert werden müssen: Die zweite Subvention rechtfertigt die erste.

Wenn jeder ins Theater wie ins städtische Schwimmbad gehen kann, dann kann man auch die dreizehn Mark verantworten, die der Käufer einer "normalen" Opernkarte zu zwanzig Mark (welche eigentlich dreiunddreißig Mark kosten müßte) heimlich von Vater Staat oder Mutter Stadt geschenkt bekommt.

Gesegnet seien drum die drei Mark des Volksbühnenmitglieds. Sie bilden das Gewissenspflästerchen für Abgeordnete, die um der Kunst willen auch die Sitzplätze der Reichen subventionieren. Das deutsche Theater hat keine doppelte, es hat eine dreifache Buchführung.

Seit einiger Zeit ist den notorischen Verschleierungstaktikern ein unbequemer Kritiker gegenübergetreten. Das sind die Tourneetheater. Das soziale Subventionstheater druckst herum. Seine öffentlichen Träger wollen nicht offen zugeben, daß gute Kunst teuer ist, daß ein Staat, der sie mit guten Gründen verschenkt, tief in den Steuersäckel greifen muß. Die Tourneetheater sind teuer. Aber sie zahlen auch gut und machen dennoch Geschäfte mit dem Theaterpublikum. Dieses seltsame Phänomen war, ein wenig leichtsinnig, auf die Tagesordnung einer öffentlichen Diskussion gesetzt worden, die im Rahmen des 18. Volksbühnentags in Mannheim stattfand. Drei kapitale Hechte wagten sich in den subventionierten Karpfenteich. Sie hießen Raeck, Franke und Hoffmeister, ihres Zeichens Privat- und Reisetheaterdirektoren. Ihr Wortführer Raeck ist in Berlin sogar Universitätsprofessor. Vielleicht wird er nächstens noch Legationsrat, weil er so diplomatisch, anstatt zuzubeißen, die Subventionskarpfen hätschelte: Wir wollen euch ja nur ergänzen...

Bissig antwortete der Führer der Intendantengruppe im Deutschen Bühnenverein, Dr. Schaffner (Kassel). Er forderte für das doppelt subventionierte Volkstheater fast alles, jedenfalls auch jene Stücke, die sich mit größter Findigkeit und hohem finanziellen Privateinsatz Direktoren von Reisetheatern zur alleinigen Auswertung gesichert haben.

Das Tournee-Theater

Es bedurfte des Wirklichkeitssinnes eines anderen Berliners, Carl Werckshagen, der – obwohl Regierungsdirektor – den Sinn für persönliche Initiative nicht verloren hat und in die Treibhausluft des Mannheimer Mozartsaals schmetterte: "Das Tourneetheater müßte erfunden werden, wenn es noch nicht da wäre. Die Vergleichsmöglichkeiten durch gelegentliche Gastspiele der Reisebühnen sind eine gesunde Gegenwirkung für die Routine des Monopoltheaters. Man sollte Herrn Franke, wenn sein ‚Grüner Wagen‘ einmal in Schwierigkeiten geriete, Subventionen aus dem Etat der städtischen und staatlichen Intendanten anbieten."

Herr Franke dankte. Er wolle sich von niemandem Vorschriften machen lassen, am wenigsten von der Verwaltungs-Bürokratie.

Man sollte das Thema "ortsansässiges und Tourneetheater" herauslösen aus der unklaren Atmosphäre von Bildungsliberalität und halbrevolutionärem Neuerungswillen, in der die Volksbühnenvereine tagten. Man müßte essine ira et studio untersuchen. Denn ist der zunehmende Erfolg reisender Geschäftstheater nicht doch eine bemerkenswerte Kritik an unserem subventionierten Routinetheater?

Kein Mensch will dieses abschaffen. Es ist als Institution Deutschlands Stolz. Warum aber zahlen Leute, die es können, den zehnfachen Volksbühnenpreis für eine Tournee-Vorstellung? Um einmal Werner Krauss, Käthe Gold, Ewald Balser oder Will Quadflieg und Maria Wimmer auch in Kötzschenbroda zu sehen?

Nein, dahinter steckt mehr. Zu klären bleibt das Phänomen einer sich wieder bemerkbar machenden echten Nachfrage: beim Publikum, das bereitwillig zahlt, und bei den Darstellern, die bereitwillig sind, weil sie gut bezahlt werden.

Im subventionierten Sozialtheater gibt es dagegen kaum noch "Erfolge", weil es keine echten "Durchfälle" mehr gibt. Die Volksbühne und ihre Verwandten sind immer zur Stelle, eine Aufführung "durchzuziehen." Johannes Jacobi