Es bedurfte des Wirklichkeitssinnes eines anderen Berliners, Carl Werckshagen, der – obwohl Regierungsdirektor – den Sinn für persönliche Initiative nicht verloren hat und in die Treibhausluft des Mannheimer Mozartsaals schmetterte: "Das Tourneetheater müßte erfunden werden, wenn es noch nicht da wäre. Die Vergleichsmöglichkeiten durch gelegentliche Gastspiele der Reisebühnen sind eine gesunde Gegenwirkung für die Routine des Monopoltheaters. Man sollte Herrn Franke, wenn sein ‚Grüner Wagen‘ einmal in Schwierigkeiten geriete, Subventionen aus dem Etat der städtischen und staatlichen Intendanten anbieten."

Herr Franke dankte. Er wolle sich von niemandem Vorschriften machen lassen, am wenigsten von der Verwaltungs-Bürokratie.

Man sollte das Thema "ortsansässiges und Tourneetheater" herauslösen aus der unklaren Atmosphäre von Bildungsliberalität und halbrevolutionärem Neuerungswillen, in der die Volksbühnenvereine tagten. Man müßte essine ira et studio untersuchen. Denn ist der zunehmende Erfolg reisender Geschäftstheater nicht doch eine bemerkenswerte Kritik an unserem subventionierten Routinetheater?

Kein Mensch will dieses abschaffen. Es ist als Institution Deutschlands Stolz. Warum aber zahlen Leute, die es können, den zehnfachen Volksbühnenpreis für eine Tournee-Vorstellung? Um einmal Werner Krauss, Käthe Gold, Ewald Balser oder Will Quadflieg und Maria Wimmer auch in Kötzschenbroda zu sehen?

Nein, dahinter steckt mehr. Zu klären bleibt das Phänomen einer sich wieder bemerkbar machenden echten Nachfrage: beim Publikum, das bereitwillig zahlt, und bei den Darstellern, die bereitwillig sind, weil sie gut bezahlt werden.

Im subventionierten Sozialtheater gibt es dagegen kaum noch "Erfolge", weil es keine echten "Durchfälle" mehr gibt. Die Volksbühne und ihre Verwandten sind immer zur Stelle, eine Aufführung "durchzuziehen." Johannes Jacobi