Es bedarf einer gewissen Anstrengung, und zwar einer technischen Anstrengung, einen unbekannten Dichter in einer Rundfunksendung bekannt zu machen, oder wie im Falle von Paul Zech, dessen Gedichte und Dramen in jeder der Anthologien der expressionistischen Periode zu finden sind, das unbekannte und zum Teil unveröffentlichte Spätwerk eines vergessenen Dichters zu erschließen. Gerhard Marx-Mechler, dessen 20-Minuten-Sendung über den unbekannten Paul Zech der Hessische Rundfunk am Sonntagnachmittag brachte, hat diese Anstrengung aus irgendeinem Grunde gescheut. So ist wenig Gutes über die Sendung zu berichten. Es genügt in solchem Falle nämlich nicht ein paar Gedichte vortragen, ein paar Prosasätze verlesen zu lassen – die Regie war höchstens mittelmäßig –, das Ganze mit ein paar biographischen Daten anzureichern und mit Platitüden zu krönen, von der Art „... doch er verzweifelte nicht“ und „Das war das Ende. Aber es kann nicht das Ende sein.“

Er müsse die alten Literaturgeschichten zuschlagen, um den „neuen“ Paul Zech zu würdigen, wurde dem Hörer geraten. Aber sicherlich wäre Zechs Bild plastischer erstanden, wenn der Autor das nicht getan, sondern etwa auf Zechs für Pinthus’ „Menschheitsdämmerung“ geschriebenes Selbstbildnis zurückgegriffen hätte, das ja schließlich nicht nur für eine bestimmte Schaffensperiode des Dichters Geltung haben sollte. Das ist um so erstaunlicher, als Marx-Mechler dieses Selbstbildnis in einem Artikel über Zech, von dem gleich zu sprechen sein wird, ausführlich zitiert hat. So jedenfalls erfuhr man nur dürftige Daten: Zech mußte 1933 emigrieren, weil er Sozialist war und überdies dank seiner Urteilskraft als Verlagslektor des Dr. Goebbels Drama „Michael“ nicht veröffentlicht wurde. Er kam auf Umwegen nach Buenos Aires, war trostlos arm und einsam und heimwehkrank und schrieb – schrieb, während er Nachtwächter, Hausierer, Schuhputzer war. In seinen späteren Exiljahren ging es ihm besser und er konnte durch große Teile Südamerikas reisen. Nur die ersehnte Heimreise nach Deutschland konnte er nicht mehr antreten. Er starb 1946 in Buenos Aires.

Hatte die Ankündigung der Sendung die Hoffnung erweckt, man bekäme Teile aus dem bisher unveröffentlichten Nachlaß von Paul Zech zu hören, so stellte sich heraus, daß das nicht ganz stimmte. Die in der Sendung zitierten Gedichte und Prosastücke nämlich entstammten, soweit sich das bei einmaligem Zuhören feststellen ließ, zum größten Teil den Veröffentlichungen des sowjetzonalen Greifen-Verlags. (Die Romane „Die Kinder vom Paraná“, „Die Vögel des Herrn Langfoot“, die Erzählung „Das rote Messer“ und die Nachdichtungen indianischer Liebesgeschichten und Legenden „Die grüne Flöte vom Rio Beni“.) Der Autor der Sendung aber hat zum 75. Geburtstag Zechs im Sonderdienst dieses Verlags einen Artikel über Paul Zech veröffentlicht. Die Sendung war, bis in die einzelnen Formulierungen hinein, eine Adaption dieses Artikels, wogegen nur einzuwenden ist, daß in der bundesrepublikanischen Adaption die sozialkritischen und pazifistischen Aspekte von Zechs Dichtung weitgehend unter den Tisch fielen. Auf jeden Fall wäre es unerläßlich gewesen, auf jene Veröffentlichungen hinzuweisen. Schließlich kann man sich praktisch jedes Buch der sowjetzonalen Produktion in jeder besseren Buchhandlung der Bundesrepublik bestellen, und endlich sollte sich ein Autor grundsätzlich niemals gezwungen fühlen, Tatsachen zu verschweigen.

Zur Sendung selbst ist noch zu bemerken: Sie ließ jede Analyse, jeden stilkritischen Ansatz, jeden Versuch einer literarischen Einordnung vermissen. Dem Rezensenten schien es nämlich, daß Atmosphäre, Farbe und Landschaft des südamerikanischen Werkes von Zech neu sind, daß aber seine Diktion und vor allem seine Inhalte eine nicht zu übersehende Kontinuität mit dem früheren Werk aufweisen, auch wenn die Sprache die Intensität seiner expressionistischen Periode nicht mehr erreicht – soweit man das nach dieser Sendung beurteilen kann. Und das ist nicht sehr weit. mr.

Wir werden sehen:

Dienstag, 17. Juni, 22.00 Uhr: Die Märchenwelt des Malers Marc Chagall, der 1887 in Witebsk geboren wurde, ist einzigartig in ihrer naiven und doch kecken Verbindung zweier Welten, der russisch-mystischen und der französisch-graziösen. Der SWF zeigt in seiner Sendung „Die Märchenschaukel des Marc Chagall“ graphische Arbeiten. Außerdem soll der Zuschauer Einblick gewinnen in die Umwelt des Malers. Der Begriff „Märchenschaukel“ stammt übrigens von Theodor Däubler.

Mittwoch, 18. Juni, 21.00 Uhr: Im Namen des Düsseldorfer Kabaretts „Das Kom(m)ödchen“ ist das eingeklammerte (m) das Stenogramm der Doppelsinnigkeit. Es ist darin das kleine Maß der Kommode angedeutet wie die Lust an der Komödie. Aber, um ein Drittes anzudeuten – commode (bequem) ist man nicht. Man sucht immer nach neuen Themen und Mitarbeitern. An dem neuen Programm „Womit haben wir das verdient?“ wirkt unter anderem Rolf Liebermann mit, der Schweizer Komponist und Rundfunkmann („Leonore 40/45“ und „Schule der Frauen“).