Von Paul Hühnerfeld

Den Roman eines deutschen Autors zu finden, der vom Stoff her modern erscheint, ist gar nicht so einfach. Die jungen Romanciers der deutschen Literatur lieben das schriftstellerische Spiel mit den Möglichkeiten von gestern, sind immer irgendwo noch im „Fin de siècle“. Das macht ihre Romane durchaus nicht reizlos, eher schon pittoresk. Und daß gerade diese Stoffwahl und die Behandlung des Stoffes in der Manier von gestern sich bisweilen das Prädikat „provinziell“ zuzieht, braucht einen Autor nicht unbedingt zu stören. Was heute provinziell und altmodisch erscheint, kann morgen hypermodern sein. So schnell ändern sich in der Literatur die kritischen Sitten.

Allerdings gibt es auch in unserer jungen Literatur Ausnahmen. Ich erinnere mich an Hans Benders „Eine Sache wie die Liebe“, einen modernen Roman, der ohne die Kenntnis heutiger französischer Prosa wohl so nicht hätte geschrieben werden können. Und ich erinnere mich auch, daß Heinrich Bölls „Und sagte kein einziges Wort“ schon allein deshalb bei seinem Erscheinen ins Schwarze traf, weil hier die Ehe, das einzige Problem des Romans, mit unserem Alltag konfrontiert wurde. Aber den weitesten Schritt nach vorn macht ohne Zweifel ein Buch, das jetzt in Darmstadt erschienen ist:

Heinrich Schirmbeck: „Ärgert dich dein rechtes Auge“; Franz Schneekluth Verlag, Darmstadt; 588 S., 19,80 DM.

Für den Romanautor stellt sich die alltägliche Wirklichkeit draußen vor seiner Tür wie ein Dschungel dar. Sie liegt dort ungeordnet, scheinbar chaotisch, und sie sieht auf den ersten Blick nicht so aus, als habe der liebe Gott sie zum Gebrauch für Schriftsteller geschaffen.

Der Autor, der die Tür seines Hauses aufstößt, muß – um im Bilde zu bleiben – mit Axt und Messer poetische Lichtungen in die Prosa des Alltags schlagen. Schirmbeck kommt mir vor wie ein Mann, der so vorgegangen ist; und keiner soll ihn tadeln, wenn die Lichtung nicht ganz sauber planiert werden konnte, wenn hier und da noch Gestrüpp am Boden wuchert. Gleichviel: der nächste Autor wird die Lichtung schon vorfinden. Er wird es auf demselben Platz leichter haben als sein Vorgänger, einen guten Roman zu schreiben.

Schirmbeck nennt seinen Roman im Untertitel „Aus den Bekenntnissen des Thomas Grey“, und es sei gleich vorweggenommen, daß dieser Thomas Grey ein Kybernetiker ist, ein. Mann also, der es mit Elektronenrechenmaschinen zu tun hat, die das menschliche Gehirn ersetzen sollen. Der Mathematiker Norbert Wiener prägte übrigens den Begriff der Kybernetik und bediente sich dabei des griechischen Wortes kybernetes, das soviel wie „Steuermann“ bedeutet. Daß diese Bezeichnung für den Kybernetiker tragische Ironie enthält, ist eine der Erkenntnisse, die man aus Schirmbecks Roman gewinnt...