o. f., Meitingen

Die Leute im Dorf sagen über die Fabrik, die Sache mit der Atomkraft sei gar nicht übel. Das Werk bringt Geld ins Dorf, mehr Geld bei jeder Erweiterung. Denn jedesmal zahlt die Firma mehr Steuern an die Gemeinde. Das Unglück der Fabrik, die im Kriege 92 v. H. ihrer Werte verlor, macht heute das Glück der Leute von Meitingen aus.

Meitingen liegt 22 Kilometer nördlich von Augsburg, und wer in diesen Tagen von dort her mit dem Auto auf der vorzüglichen Straße ins Dorf fährt, der erschrickt beim Ortseingang: Die Hauptstraße ist gesperrt; sie wird kanalisiert, planiert, verbreitert, erhält eine neue Decke („Das macht das Geld aus der Fabrik“), und die Autos müssen auf ausgewaschenen Feldwegen hinter den Häusern rollen. Was dem Autofahrer bei dieser „krummen Tour“ nicht entgeht, sind die vielen neuen Siedlungshäuser und die neue Werkhalle der Fabrik.

Die Leute im Dorf wissen nicht allzuviel vom Werk, denn nur wenige arbeiten in dem weithin automatisierten Betrieb, aber so viel wissen sie: Die neue Anlage soll der Herstellung von Spezialgraphit dienen, das für die Atomreaktoren gebraucht wird.

Ob der Lehrer den Kindern erzählt, was es mit diesem Werk für eine Bewandtnis hat? Vielleicht so: In ganz Europa gibt es nur etwa ein Dutzend solcher Werke wie „unseres“, und selbst Amerika hat nur drei davori. Vor dem Kriege war dies Meitinger Werk nur eine winzige Teilanlage der großen Firma; sie veredelte lediglich das Rohprodukt; dann ging das eine Hauptwerk in Lichtenberg an die Sowjets verloren, das andere im Ratiborschen Ortsteil Plania an die Polen. Und als man sich umsah nach einem Lieferanten des Rohproduktes, fand man eine andere, aber allein nicht lebensfähige Firma in Griesheim, der just der Veredelungsbetrieb verlorengegangen war. So taten sich ein Blinder und ein Lahmer zusammen, und 1949 entstand daraus die „Siemens-Plania – Chemische Fabrik Griesheim – Fabrikation und Vertrieb von Kohlefabrikaten“ – kurz „Sign“ genannt.

Eigentlich wollten die Amerikaner auch noch diesen Acht-Prozent-Restbetrieb demontieren, aber die Leute von der „Siemens-Plania“ in Meitingen sagten ihnen: „Wir sind der Schlüssel zum industriellen Schlüsselschrank nicht nur Deutschlands – wenn ihr den wegnehmt, liegt die gesamte Industrie still.“

Das war nicht zuviel behauptet. Denn jede Industrie benötigt elektrischen Strom, vor allem zur Erzeugung großer Hitze in ihren Maschinenanlagen – hauptsächlich beispielsweise in den Stahlschmelzöfen. Einige Tausend Grad braucht man da schon, und jedes Material würde dabei als Stromzubringer, als „Elektrode“, selber schmelzen – außer Graphit. Das ist ein Naturprodukt; aber die Meitinger Graphit-Elektroden werden künstlich hergestellt. Von weit her, auch aus den Ostblockländern, bringt die Eisenbahn den Rohstoff: Er ist Abfall, Koksrückstand bei der Destillation von Erdöl. Er wird zu Pulver zermahlen, mit Pech vermischt und kommt in Stangen bis zu zweieinhalb Meter Länge und 60 Zentimeter Durchmesser aus einer Strangpresse heraus. Diese „Rohkohle“ wird gebrannt, drei Wochen lang; und bei Temperaturen bis zu 3000 Grad verwandelt sich der Stoff in Kristalle. Diese nun „graphitierten“ Stangen wandern an die Stahlschmelzöfen in aller Welt (45 v. H. der Erzeugnisse sind Export, zu 60 v.H. decken sie den Bedarf der deutschen Elektro-Stahlwerke.)