Obgleich mit dem 10.Juni wieder einmal ein „großer“ Steuertermin zu überwinden war, kam es in der vorigen Woche zu weiteren Kurssteigerungen in den großen internationalen Werten sowie bei den Gratisaktien-Aspiranten, so daß das gesamte Kursniveau einen ansehnlichen Sprung nach oben machte (siehe unser Kursbaroneter). Diese Entwicklung spielte sich allerdings im Rahmen einer allgemein freundlichen Tendern aller Weltbörsen ab, die eintrat, als feststand, daß mit der Einsetzung der Regierung de Gaulle ein Bürgerkrieg in Frankreich zunächst vermieden werden konnte. Die steigenden Kurse in Wall Street finden daneben ihre Begründung in einer sich abzeichnenden besseren Beschäftigungslage, von der jedoch nicht feststeht, ob sie nicht nur auf saisonale Gründe zurückzuführen ist oder ob tatsächlich schon ein echter Umschwung in der konjunkturellen Entwicklung eingetreten ist. Dazu ist bemerkenswert, daß es in den USA Banken gibt, die ihrer Kundschaft empfehlen, zunächst noch in deutsche Aktien ,einzusteigen“, „weil bi. zum Herbst in Wall Street keine Hausse zu erwarten ist“, während in der Bundesrepublik weiterhin feste Kurse für möglich gehalten werden. Nun sind längerfristige Voraussagen an den Börsen stets eine sehr heikle Angelegenheit, dennoch wird man sagen können, daß das jetzt erreichte Kursniveau dann nicht überhöht ist, wenn 1. die Senkung der Körperschaftsteuer für ausgeschüttete Gewinne tatsächlich noch rückwirkend ab 1. Januar 1958 erfolgt und wenn 2. das Gesetz, das die steuerfreie Umwandlung von versteuerten Rücklagen in Gratisaktien gestattet, in der vorgesehenen Form auch verabschiedet wird. Beide Gesetzentwürfe spielen für die Untermauerung des Kursniveaus eine wesentliche Rolle als alle Konjunkturprognosen.

Es ist ganz natürlich, daß in den Papieren, die jetzt eine lange Aufwärtsbewegung hinter sich haben, Gewinnsicherstellungen vorgenommen werden. Für den Anleger ist es auch zweifellos gut, wenn er einmal etwas steuerfrei in die Scheuer einbringt. Dabei taucht jedoch gleichzeitig die heute sehr schwer zu beantwortende Frage auf: Wohin mit dem freigewordenen Geld? Im allgemeinen ist es so, daß man sich in solchen Situationen nach „zurückgebliebenen“ Werten umsieht. Doch was ist heute noch zurückgeblieben? Zwei Auswege sind in den letzten Tagen beschritten worden. Einmal „ging man in die Bankaktien“, wo sicherlich vorläufig kein Geld zu verlieren ist, denn für 1958 sind (falls die Körperschaftsteuersenkung klappt) 14 v.H. Dividende bei den meisten Instituten sicher. Zum anderen liebäugelte man mehr als sonst mit den völlig zurückgebliebenen Montanpapieren, in deren Kursen der verschlechterte Beschäftigungs- und Auftragsbestand bereits voll zum Ausdruck kommt. Gerät die Konjunktur eines Tages wieder nach der erfreulichen Seite hin in Bewegung, dann sind hier beträchtliche Kursgewinne sicher – und es gibt nicht wenige Leute, die sich rechtzeitig eine Fahrkarte besorgen, um dabeizusein, wenn der Montanzug abfährt. Aber wann wird das sein? Kann man bis dahin nicht noch an den anderen Märkten verdienen? Das sind Fragen, die sich kaum beantworten lassen. In den USA stehen die Anleger vor ähnlichen Problemen. Auch dort haben sich die Käufe bei den Stahlpapieren verstärkt, obwohl man von einer echten Erholung noch nicht sprechen kann.

Die Börsenspekulation nahm sich indessen erneut den IG-Liquis an, bei denen ab 15. Juli 1958 bis 15. Januar 1959 die Frist zum Umtausch des Kupon Nr.2 in Aktien der Chemie-Verwaltungs-AG läuft. In absehbarer Zeit kann mit einer getrennten Notiz des Hüls-Kupons gerechnet werden, so daß die Börse dann Klarheit über den Wert des Ostanteils bekommt.

Am Rentenmarkt nahm der Nachfragedruck nach hochverzinslichen Industrieanleihen zu, da in den letzten Tagen kaum neue Emissionen zum Verkauf angeboten wurden. Die Nachfrage hat sich natürlich verstärkt, seitdem ein 6 1/2prozentiger Anleihetyp in Aussicht gestellt ist. Bislang wurde jedoch noch nicht bekannt, wer der Bahnbrecher für einen neuen (niedrigeren) Zinssatz sein wird. Die Deutsche Erdöl AG will für sich diesen Ruhm keinesfalls in Anspruch nehmen.

Kurt Wendt