Ich darf mitteilen, daß wir wieder dürfen. Wir dürfen dürfen. Allgemeine Begeisterung darob. Jahrelang mußten wir müssen, wenngleich einige mußten, was sie immer schon wollten oder auch nicht wollten – und andere wollten, was sie mußten. Lessing dagegen meinte, kein Mensch müsse müssen. Ein Irrtum natürlich. Nur das abstrakte Wortspiel eines Intellektuellen, dies Müssen-müssen, vielmehr dies Nicht-müssen-müssen.

Jetzt also verspüren wir alle wieder das Bedürfnis nach Dürfen. Diesem Bedürfnis dürfen wir frönen. Ich darf sagen, daß ich sagen darf, daß dem zeitgemäßen Bedarf nach Dürfen kein Hemmnis entgegengestellt werden darf. Es darf einfach nicht mehr sein, daß etwas nicht mehr sein darf.

Darum dürfen wir Ausstellungen eröffnen, dürfen Gäste begrüßen, dürfen darauf hinweisen, daß wir demokratisch verbindlich sein dürfen. Keiner muß mehr; jeder darf nur; alle können schon. Parteitage des Willens und Volksorgien des Müssens liegen weit hinter uns. Wir dürfen uns ihrer erinnern, müssen aber nicht.

Deswegen stellen wir uns auch nicht mehr vor, indem wir die Hacken zusammenschlagen, sondern wir dürfen uns vorstellen – und ziehen dabei den Kopf etwas ein. Gestatten. Ich darf mir gestatten. Irgend jemand gestattet es natürlich.

Das Dürfen zu dürfen ist ein echtes Bedürfnis geworden. Die Anstalten für diese Dürfen-Bedürfnisse sind zahllos. Der gesellschaftliche Umgang ist allerorten zahmer, lauer geworden. Nicht mehr im „Befehlen Seligkeit empfinden“. Der Wolf ist selig, daß er sich in den dürftigen Schafspelz des Dürfens hüllen darf. Verbindlich zu sein, nur noch dürfen zu wollen, ist zeitgemäß.

Indessen dürfen wir nicht nur dürfen, sondern können sogar schon wieder dürfen. So etwas lernt sich schnell. Hoffentlich können wir es auch wirklich. Heinrich Hahne