Der Arzt Dr. Emerson Mc Vey in Chikago wurde dazu verurteilt, seinem Kollegen Dr. Lester Odell 490 000 Dollar – das sind zwei Millionen Mark und sogar noch etwas mehr – als Schadenersatz zu zahlen. Wofür? Dafür, daß Dr. Vey dem Dr. Odell seine Frau „entfremdete“. Der Anwalt des Klägers erklärte dem Gericht, dem Dr. Odell sei die Liebe seiner Frau ebensoviel wert, und Dr. Vey verdiene um so mehr eine so harte Buße, als er Odells langjähriger, ja lebenslanger bester Freund gewesen sei, von dem dieser einen so schnöden Verrat nicht habe erwarten können.

Nun – da erhebt sich dann doch die Frage, ob so Verruchtes hätte geschehen können ohne eine gewisse Mitschuld des um die derartig hoch taxierte Liebe seines Eheweibs Geprellten. Offenbar besaß dieser Arzt weder psychologische noch bemerkenswerte literarische Kenntnisse. Sonst hätte er wissen müssen, daß die Weltliteratur wimmelt von Beispielen solchen Mißbrauchs allzu intimer Familienzugehörigkeit eines Freundes, daß von alters her der „Hausfreund“ eine zwielichtige Figur ist, und daß eine ganze Anzahl von Theaterstücken und Romanen sich um jene Modellgeschichten drehen: daß ein Freund, um die Treue der Gattin (und die des Freundes) zu prüfen, Freund und Frau eine Zeitlang miteinander allein läßt. Alle Beteiligten stürzen sich begeistert in das große Wagnis, alle freuen sich schon im voraus auf das große Fest zum Preise des Tugendsiegers – und am Schluß gibt es das unausbleibliche, ganz andersartige Tableau mit mindestens einem trauernden Hinterbliebenen ...

Wir wissen nicht, ob sich die Affäre Vey-Odell so abgespielt hat. Aber sehr ähnlich muß es gewesen sein. Es erscheint jedenfalls unglaubhaft, daß Dr. Odell seinen kostbaren Schatz so sorgfältig gehütet habe, wie er es angesichts der vom Gericht anerkannten (sozusagen) Versicherungssumme zu tun verpflichtet gewesen wäre. Da erscheint uns das Urteil doch einigermaßen undurchdacht. Zur „Entfremdung“ einer Frau gehören schließlich immer mindestens zwei: nämlich außer dem Manne, der sie „entfremdet“, die Frau, die sich entfremden läßt...

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