J. B. Wien, im Juni

Die österreichischen Volksaktionäre, genauer gesagt: die Besitzer der stimmrechtlosen Vorzugsaktien der beiden teil-re-„privatisierten“ Großbanken im Nennwert von insgesamt 225 Millionen Schilling sind enttäuscht. Sie erhalten für 1957 wieder nicht mehr als sieben Prozent Dividende (und denken nicht daran, daß ihnen ja eigentlich nur sechs Prozent garantiert sind); überdies steigen auch die Kurse nicht mehr.

Die Dividendensparsamkeit ist auch beinahe unbegreiflich, wenn man die guten Bankbilanzen 1957 betrachtet und die großen Töne im Ohr hat, die aus politischen Posaunen alle Tage den Ruhm der bisherigen und künftigen Volksaktien verkünden. Die Creditanstalt-Bankverein braucht für die Dividende von 7 v. H. auf das Gesamtkapital von 500 Mill. insgesamt 35 Mill. und hat hierauf auch den Reingewinn abgestellt; vorher aber konnten wieder 145 Mill. an die Rücklagen verwiesen werden. Die österreichische Länderbank braucht für die 7 v. H. auf das Kapital von 250 Mill. nur 17,5 Mill. und hat 48 Mill. für die Rücklagen aufgebracht. Man hätte also leicht acht v. H. zahlen können, wovon eine Zeitlang die Rede war, oder auch mehr. (Vom Gesamtkapital wurden bei den zwei Anstalten bekanntlich 30 v. H. in Vorzugsaktien und 10 v. H. in Stammaktien Anfang 1957 aus bis dahin hundertprozentigem Bundesbesitz abgegeben; 60 v. H. der Aktien, aber 90 v. H. des Stimmrechtes sind beim Bund verblieben).

Die Begründung für die kleine Ausschüttung war nicht schwer zu haben, ist aber trotzdem nicht überzeugend; man will die Dividende nicht in einer Zeit erhöhen, da die Konjunktur schwächer wird. Ist es aber nicht gerade das Wesen der Aktie, daß ihr Ertrag der Wirtschaftsentwicklung (diesmal also dem Konjunkturrekord 1957) folgt und wird sie bei allzuviel Konservativismus nicht zur Rente, ohne mit den Festverzinslichen im Ertrag konkurrieren zu können? Die beiden Banken beklagen im gleichen Atem die Kursrückgänge der Industrieaktien und begründen sie mit der geringen Rendite! Sie geben aber selbst das gleiche Beispiel und bestimmen damit für wichtige nahestehende Gesellschaften mittelbar und im Hause selbst unmittelbar auch deren Dividendenpolitik.

Die Bilanzen der beiden Banken sind, das muß zur Vermeidung von Mißverständnissen hervorgehoben werden, erstklassig. Das Eigenkapital erreicht bei der Creditanstalt 21,4 v. H. und bei der Länderbank 13 v. H. der Gesamt Verpflichtungen; dabei ist die Pensionsvorsorge nicht inbegriffen, obwohl man sie den Rücklagen zuzählen könnte, solange wie bisher die laufenden Pensionszahlungen aus laufenden Erträgen gedeckt werden. Der Satz der Eigenmittel ist also weit höher als der internationale und auch der deutsche Durchschnitt. Nach offen ausgewiesenen Eigenmitteln wäre die Aktie der Creditanstalt 273 v. H. und die der Länderbank 240 v. H. wert!

Warum verkaufen aber die neugebackenen Volksaktionäre ihre Papiere nach einem Jahr Besitz zum Kurs von 175? Ist es nicht eine Ironie, daß die Banken selbst die Aktien, die ihnen vor einem Jahr zu 115 v. H. abgenommen wurden, um ein Sechstel teurer zurücknehmen müssen, um den Kurs zu halten?

Dazu wäre viel zu sagen. Es zeigt sich, daß die Volksaktienkäufer vielfach eben nicht Investoren auf die Dauer waren. Man macht neuerdings die simple Erfahrung, daß Aktienneulinge an ihrem Papier nur so lange Freude haben, als sein Kurs steigt. Der Ertrag kann nicht verlocken, denn die 7 v. H. vom Nennwert ergeben nach Abzug der Kapitalertragsteuer nur 3,3 v. H. Nettorendite, das ist weniger als eine Spareinlage abwirft. Man mag auch eine Zeitlang vergessen haben, daß man nur stimmrechtloser Mitbesitzer eines Eigentums ist, dessen Mehrheit dem allmächtigen Staat gehört. Wenn die Hausse vorbei, ist, erinnert man sich daran. Man verkauft also, um den Gewinn zu sichern und legt das Geld anderweitig an – in siebenprozentigen Anleihen etwa, an denen kein Mangel ist – oder man wartet auch auf neue Volksaktien-Attraktionen.