Von Eduard Trier

Als in Europa die industrielle Revolution das Handwerk mitsamt seiner ständischen Gesellschaftsordnung umwarf, reagierte die bildende Kunst zunächst gar nicht auf das ebenso bedrohliche wie faszinierende Phänomen. Damals hat die Kunst noch nicht ihre heute allzu gern zitierte Rolle als „Seismograph der unterirdisch grollenden Kräfte“ gespielt; von prophetischer Ahnung des Kommenden war keine Rede.

Selten nur finden wir im späteren 18. Jahrhundert künstlerische Reflexe jener totalen Umwandlung des sozialen, wirtschaftlichen und politischen Gefüges, die durch die Industrialisierung ausgelöst wurde, – Werke, die dann meist von einem Industrieherrn veranlaßt und nicht aus eigenem Antrieb der Künstler geschaffen wurden. Die ungewöhnliche Aufgabe wurde in solchen Fällen mit den traditionellen Kunstmitteln gelöst.

Als Vorläufer einer „modernen“ Industriemalerei wären in erster Linie der Wallone Léonard Defrance und sein schwedischerZeitgenosse Pehr Hilleström zu nennen. Der eine malte im Lütticher Revier auf kleinmeisterliche Art Eisenhütten und Kohlengruben, der andere die Erzbergwerke und Aufbereitungsstätten von Falun. – Die Kunst des späten 18. und des frühen 19. Jahrhunderts sah andere Aufgaben als die realistische Darstellung des dramatischen und epochalen Ereignisses, das wir heute im Rückblick erkennen können. Sie neigte eher zu einem „zeitlosen“ Klassizismus, der das Thema industrieller Arbeit gelegentlich in antikisierenden Allegorien aufgriff, oder sie flüchtete sich, weltscheu, und erfüllt von einem romantischen Allgefühl, in die unberührte Natur.

Auch hielten die Fabrikanten als potentielle Auftraggeber ihre Werkstätten oder die Industriearbeit nicht für wirklich lohnende Themen der hohen Kunst. Defrance und Hilleström, beide von den Zeitgenossen hochgeachtete Künstler, Akademiedirektor der eine, Königlicher Hofmaler der andere, müssen als Ausnahmen von der Regel gelten, die auch nicht durch die Tatsache umgestoßen wird, daß manchmal kleinere Maler zur Darstellung industrieller Betriebe bestellt wurden, so wie man heute Fabrikanlagen von einem „Industriephotographen“ zur Dokumentation oder Werbung aufnehmen läßt.

Im deutschen Sprachgebiet setzte die Malerei mit industriellen Motiven später ein als in anderen Ländern. Ihre Stilmittel versucht Rolf Fritz vom Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte in einer mit Hilfe des Bundesverbandes der deutschen Industrie arrangierten

Ausstellung auf Schloß Cappenberg (bei Lünen in Westfalen, Dauer bis 30. Juli)