pk, Braunschweig

Man nehme: gegen Epilepsie lebendig verbrannte und dann pulverisierte Maulwürfe... gegen Trunksucht eine lebendig entzweigerissene Kröte, deren Asche in Schnaps zu trinken ist... gegen Warzen eine Einreibung mit gestohlenem Speck... gegen Gelbsucht einige Schafläuse, lebend zu schlucken... Dann aber nehme man erst einmal einen doppelten Kognak. Denn solche Rezepte gibt es wirklich. Und es gibt auch immer noch Leute, die sie ernst nehmen – solche, die sie befolgen, und andere, die damit Geschäfte machen.

In Braunschweig standen unlängst die Inhaber des Planet-Verlages, Ferdinand Masuch und Heinrich Schnell, als Verleger des „6. und 7. Buch Moses“vor Gericht. Das Buch, aufgemacht wie das Neue Testament und mit einem roten Totenkopf versiegelt, ging eine Zeitlang (vor allem im diskreten Versand) wie ein Bestseller.

Mit dem geschichtlichen Moses, der vor rund 3000 Jahren als Religionsstifter seine fünf Bücher hinterließ, hat das Buch freilich nicht das geringste zu tun. Es ist seit Beginn des 19. Jahrhunderts in verschiedenen Varianten wiederholt aufgetaucht und enthält eine schwer verdauliche Sammlung von alten Bauernregeln, Zaubersprüchen, Ratschlägen über den Umgang mit Hexen sowie Rezepte der oben zitierten Art. In der Ausgabe des „Planet-Verlages“ war es vorsichtigerweise mit dem Vermerk versehen: „Wir empfehlen jedoch, in Krankheitsfällen unbedingt einen Arzt zu Rate zu ziehen.“

Die Meinungen derer, die sich in letzter Zeit kritisch mit diesem Buch befaßt haben, sind geteilt. Ein Oberstaatsanwalt lehnte ein Ermittlungsverfahren gegen die Herausgeber ab, weil die Schrift keinen Anspruch darauf erhebe, ernst genommen zu werden und weil „in unserem aufgeklärten Zeitalter niemand dadurch getäuscht werden“ könne.

Der Hamburger Volksschullehrer und Begründer des „Archivs zur Erforschung des neuzeitlichen Hexenwahns“, Johann Kruse meint dagegen: „Das Machwerk ist ein Handbuch für Kurpfuscher, eine Aufforderung zur Tierquälerei und trägt noch heute dazu bei, daß in ländlichen Gegenden Menschen, vor allem Frauen, der Hexerei verdächtigt und womöglich verfolgt werden.“

Der Prozeß um das „6. und 7. Buch Moses“, den Johann Kruse mit einer Klage ins Rollen brachte, hat inzwischen drei Stationen durchlaufen. Im Dezember 1956 hatte das Erweiterte Schöffengericht zu Braunschweig die beiden Verleger zu Geldstrafen von zusammen 10 000 Mark verurteilt – wegen fortgesetzten Betruges, Aufforderung zum Begehen strafbarer Handlungen und Verstoßes gegen die Wettbewerbsbestimmungen. Die Verurteilten legten jedoch Berufung ein, und im September 1957 hob die 3. Große Strafkammer des Landgerichts Braunschweig das Urteil auf. Die Verleger, die geltend gemacht hatten, sie hätten „rein betrachtend“ uralte Rezepte aus einer Zeit wiedergegeben, in der esnun einmal noch keine exakte medizinische Wissenschaft gab, wurden freigesprochen.