r.g., Stuttgart

Man kann nicht sagen, daß die Stuttgarter Polizei keine Lebensart hätte. Und eine Persönlichkeit, die nach einem nicht ganz alkoholfreien Abend einen „Unfall gebaut“ und Fahrerflucht begangen hat, empfindet es zweifellos als recht angenehm, wenn die Polizei den Fall mit Delikatesse behandelt; eine Persönlichkeit aber ist man offensichtlich dann, wenn man eine öffentliche Stellung bekleidet...

Es wäre für Polizei und Persönlichkeit peinlich gewesen, wenn der Richter seinem Urteil gegen einen hohen Beamten in Stuttgart, den Generaldirektor der Technischen Werke, Kann, die Tatsache eines Alkoholgehaltes von soundsoviel Promille hätte zugrunde legen müssen; aber die Polizei hatte es unterlassen, eine Blutprobe zu entnehmen. Zu leugnen war freilich nicht, daß der Alkohol eine Rolle gespielt hatte: Wenn einer bei seinem Auto, dessen Motor vorn liegt, vergißt, die Kühlerhaube zu schließen und, solchermaßen der Sicht beraubt, losfährt, muß wohl das Auge etwas getrübt gewesen sein, zumal in der beleuchteten Großstadt auch die Entschuldigung nicht gegolten hätte, man habe die Verdunklung infolge hochgeklappter Kühlerhaube als die natürliche Dunkelheit der Nacht angesehen.

Wie der prominente Angeklagte angab, hatte er auf der Heimfahrt von einer Feier in der Nacht zum 1.Dezember 1957 unterwegs angehalten, weil der Motor zu heiß geworden war, wofür den Technikern allerdings die Erklärung fehlen dürfte; denn das Fabrikat, um das es sich handelte, ist normalerweise auch Alpenpässen gewachsen. Bei dem Halt wollte der Herrenfahrer seinem Chauffeur, dem er frei gegeben hatte, telephonieren, damit dieser ihn vollends heimfahre. Doch es stellte sich heraus, daß sowohl ihm, dem Beamten, als auch seiner Frau das Geld zum Telephonieren fehlte. Daher begnügte er sich damit, die Motorhaube zu öffnen, um dem Motor Kühlung zu verschaffen, schob dann getrost den Gang ein und gab Gas. Der Abfahrt stand jedoch ein anderes, parkendes Fahrzeug im Wege. Das merkte der Fahrer, als es einen Knall gab. Nach seiner Meinung war jedoch nichts passiert, so daß er davonfuhr, nicht ohne die offensichtlich nun doch störende Kühlerhaube zuzuklappen.

Der Knall des Aufpralls pflanzte sich auf dem Wege über eine Frau, in deren Familie ausgerechnet der Besitzer des angerempelten, parkenden Autos zu Gast war, bis zur Polizei fort. Die Frau, die bei dem Knall ans Fenster gestürzt war, konnte mit der Nummer des Wagens dienen, und drei Stunden nach dem Unfall, um vier Uhr morgens, wurde der Chauffeur des Beamten aus dem Schlaf gerissen – freilich vergeblich; denn er konnte guten Gewissens darauf verweisen, daß der Chef selbst gefahren sei. Vier Stunden später sprach die Polizei bei dem Chef des Chauffeurs vor, drehte jedoch an der Haustür wieder um, als man ihr sagte, der Gesuchte liege noch im Bett; sie möge doch, weil er übermüdet sei, eine Stunde später wiederkommen. Die Vernehmung – man verzeihe das harte Wort – fand also wunschgemäß eine Stunde später statt.

Dieses Entgegenkommen, einschließlich der unterlassenen Blutprobe, änderte nichts daran, daß die Gerechtigkeit ihren Lauf nahm und es einen Strafbefehl über 1000 Mark setzte. Erst dadurch, daß der Beamte gegen den Strafbefehl Einspruch erhob und es zur Verhandlung vor dem Stuttgarter Amtsgericht kam, erfuhr die staunende Öffentlichkeit, wie sehr vor Gericht die Persönlichkeit – nach Goethe das höchste Glück der Menschenkinder – zählt.

Nun wünscht man zwar keinem, der einmal im Leben eine Dummheit gemacht hat – noch dazu wenn der Schaden nur rund 200 Mark ausmacht und die Persönlichkeit eine gewisse Gewähr für künftig anständiges Verhalten im Straßenverkehr gibt – gleich eine Gefängnisstrafe an den Hals. Wenn man aber die noble Behandlung eines Prominenten durch die Polizei mit der Art und Weise vergleicht, wie man mit gewöhnlichen Verkehrssündern ins Zeug geht, denen am Lenkrad ein Malheur widerfuhr und die den Führerschein verloren, ohne daß sie nur irgendeinen Schaden angerichtet hatten, dann entsteht doch der Eindruck, daß auf dem Gebiet der Verkehrsdelikte mit zweierlei Maß gemessen wird.