Nehrus Regierung kann sich gegen die orthodoxen Hindus nicht durchsetzen

Flackernder Kerzenschein erhellte die Gestalt des sitzenden Buddha. Unbewegt schien sein Blick über die sich drängende Menge einen Punkt weit jenseits dieses Treibens zu suchen. Dumpf dröhnte der Tempelgong durch die sternklare Nacht. Das Gewirr der gesprochenen und halblaut gemurmelten Gebete brach jäh ab. Für einen kurzen Augenblick trat tiefe Stille ein, dann erklang, von der Menge gesprochen, das uralte Bekenntnis aller Buddhisten.

„Alles Heil liegt im Lotos“ – und tausend Stimmen sagten es über die fromm aneinandergelegten Hände hinweg mit der Inbrust und entrückten Kraft der Überzeugtheit. Tausend Menschen hatten in dieser nächtlichen Stunde damit ihren Übertritt zu der Religion des „Erleuchteten“ vollzogen und waren Buddhisten geworden.

Es waren „Unberührbare“ einer großen Industriestadt in Mittelindien, die bisher Shiva oder Vishnu, die Götter des Hinduglaubens, verehrt hatten. Die meisten von ihnen wohnen in elenden Lehmhütten, wie sie zu Tausenden an den Rändern indischer Städte stehen. Viele besitzen nicht mehr als das zerfetzte, schmutzige Tuch, das sie um ihre Lenden gebunden haben. Sie leben von einer Handvoll Reis am Tag, ohne Hoffnung auf eine Verbesserung ihres Daseins, denn sie gehören nicht nur zum unübersehbaren Millionenheer der Ärmsten dieses gewaltigen Landes, sondern auch zu den Untersten der jahrtausendealten religiösen Hierarchie, die besteht, seit die arischen Eroberer in den Kontinent einbrachen. In ihr prägt sich bis heute die Rangordnung aus, in die man die dravidische Urbevölkerung zwang, um ihren Widerstand zu brechen.

Etwa 50 Millionen „Unberührbarer“ leben in den zahllosen Dörfern und Städten des indischen Subkontinents. Die Kastenordnung des Hinduismus versagte ihnen durch Jahrhunderte die Benutzung der Hindu-Dorfbrunnen. Sie gelten wegen der ihnen von jeher zugewiesenen niederen Verrichtungen – als Fäkaliensammler, Straßenkehrer, Wäscher – als „unrein“. Solche Gegensätze haben sich bis zum heutigen Tag am schärfsten in Südindien erhalten, wo früher die Straße geräumt werden mußte, wollte ein Brahmane vorübergehen. Den „Unberührbaren“ war es vor allem streng untersagt, den Tempel zu besuchen.

Mahatma Gandhi hatte sich bemüht, diesen Unglücklichen – Harrijans (Gottesvolk) – nannte er sie, im unabhängigen und freien Indien die volle Gleichstellung und die Abschaffung der einschneidenden Rechtsnachteile zu erkämpfen. Durch ein „Fasten bis zum Tode“ hatte er 1932 bereits dem orthodox-restaurativen Hinduismus solche Zugeständnisse abgezwungen. Ihre Verankerung in der Verfassung der Indischen Union von 1950 hat er nicht mehr erleben dürfen. Artikel 17 lautet: „Die Unberührbarkeit ist abgeschafft und ihre Ausübung in jedweder Form ist verboten.“

Verschlossene Tempel