Von Thilo Koch

Eine realistische Analyse des deutschen Teilstaates zwischen Elbe und Oder stößt auf außerordentliche Schwierigkeiten des Verstandnisses, hüben wie drüben. Die Deutschen östlich der Elbe glauben der SED kein Wort über die Errungenschaften; die Deutschen westlich der Elbe wenden sich längst gelangweilt ab, wenn jemand das kommunistische System attackiert. Propaganda und Antipropaganda führen sozusagen Monologe, die ungehört verhallen. Nicht allein die irreführende Propaganda hat uns abgestumpft, nein, auch das gutgemeinte Wiedervereinigungspathos, das ewige Appellieren, die moralische Devise vom „Unteilbaren Deutschland“.

Wie verzweifelt es um die deutsche Einheit tatsächlich steht, zeigt besonders der „Tag der Einheit“. Wieder einmal haben wir uns da ein schmuckes Etikett zurechtgeschnitten, um es auf eine leere Flasche zu kleben. Umfragen ergaben, daß ein erschreckend großer Teil der Bundesbürger nicht einmal weiß, um was es dabei eigentlich geht und wie jene Einheit am 17. Juni 1953 bezeugt wurde.

Fünf Jahre genau ist es her, seit zum erstenmal ein unbewaffnetes Volk gegen den Sowjet-Imperialismus aufstand. Noch immer sitzen Männer und Frauen in den DDR-Strafvollzugsanstalten „wegen konterrevolutionärer Umtriebe im Zusammenhang mit dem 17. Juni 1953“. Aber dieselben guten Deutschen, die noch ganz genau wissen, wie es „dem Iwan am Kuban-Brückenkopf gegeben“ haben, die kratzen sich verlegen am Kopf oder wenden sich belästigt ab, wenn man sie fragt: Was ist dieser „17. Juni“, und zu welchem Ende feiern wir eigentlich diesen Tag?

Ich habe ein durchaus skeptisches Urteil über die politische Qualität und die politischen Folgen der Aufstände 1953 in Mitteldeutschland und 1956 in Polen und Ungarn. Jener hinderte Malenkow, dieser Chruschtschow an einer schnelleren und gründlicheren Ent-Stalinisierung. Alle diese Erhebungen stärkten im Endeffekt leider nur die imperialistischen Stalinisten des Kreml. Diese kühle Beurteilung nimmt indessen kein Jota weg von der tragischen Größe dieser Revolten gegen einen gigantisch übermächtigen Gegner.

Und sie sollen vergeblich gewesen sein? Nein! sagt das Herz. Dieser 17. Juni war das einzige ganz und gar leuchtende Ruhmesblatt in der neueren deutschen Geschichte; er hat den deutschen Namen vor aller Welt zu seinem guten Teil reingewaschen von dem Anschein, wir seien ein Volk willenloser Untertanen, wir verdienten nichts anderes als die Diktatur. Ja – sie waren vergeblich, die Opfer, sagt der Kopf. Dieser 17. Juni erschütterte zwar das SED-Regime und war die Wahrheitsprobe für die Behauptung, daß dieses Volk okkupiert und unterdrückt ist – aber letzten Endes stärkte die gewaltsame Überwindung der Krise keinen anderen als Ulbricht.

Heute, am 12. Juni 1958, liegt jener Tag, an dem die Berliner Blockade mit den ersten „technischen Schwierigkeiten“ an der Zonengrenze begann, zehn Jahre zurück. Der 17. Juni 1953 steht genau in der Mitte dieses Jahrzehnts. Zugleich umfaßt diese Spanne die Lebenszeit der „Deutschen Demokratischen Republik“, des „ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden“. In Moskau gezeugt, in Ostberlin zur Welt gebracht, marxistisch-leninistisch-stalinistisch getauft – vom Westen abwechselnd totgesagt oder als nichtexistent bezeichnet –, wuchs und gedieh der seltsame Bastard. Er steht heute in der Industrieproduktion an zweiter Stelle in der Hierarchie des Ostblocks – hinter der Sowjetunion selbst natürlich, aber noch vor der Tschechoslowakischen Volksrepublik. Sonderbare Parallelität: der gesuchteste Verbündete der USA ist heute auf dem europäischen Festlande die Bundesrepublik Deutschland; – der wichtigste Satellit der SU auf dem europäischen Festlande ist heute die „Deutsche Demokratische Republik“.