Die Lageberichte, die Walter Fisch von der Front der untergetauchten KPD an die Zentrale in Ost-Berlin schickte, sind im Grunde ein einziges Klagelied. "Zu wenig Aussprache über die Kernfragen ... mangelnde Aktivität der Genossen ist die Ursache, daß wir so schleppend vorwärtskommen ..., die Schwerfälligkeit der Organisation zeigt sich immer wieder.. ., wir machen immer wieder denselben Fehler und reden zu abstrakt Und dann müde resignierend: "Alle Argumente unserer Gegner kommen bei der Bevölkerung an, vor allem auch diese verdammte Beruhigungspille: Es gibt keinen Krieg weil die Russen und die Amerikaner die Atombombe haben." Das sei auch der Grund, warum man mit der "Atom-Aktion" nicht weiterkomme.

Die private KPD-Demoskopie vervollkommnet das Bild von den mageren Ergebnissen der Untergrundarbeit. In Fischs "fliegendem Gefechtsstand" fanden sich auch Auswertungen von Befragungen, die die untergetauchten Genossen vorgenommen haben. "Was hältst du von der Deutschen Demokratischen Republik?" war eine der Testfragen. Die Antworten mußten den Untergrund-Kommunisten die Lust an der Weiterarbeit verderben: Fast alle Befragten – aus allen Schichten und Altersgruppen – hielten herzlich wenig vom Lande der Piecks und Ulbrichts.

Fischs Rapporte lassen keinen Zweifel über die augenblickliche Stoßrichtung der Illegalen: "1. Kampf gegen die Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen, 2. soziale Belange und Gewerkschaften, 3. Zusammenarbeit mit der SPD." Was Fisch zu diesen Themen an die "Leitung" melden mußte, wird bei seinen Arbeitgebern keine Begeisterungsstürme ausgelöst haben. "Wir bekommen keinen Kontakt mit der SPD", heißt es in den monatlichen Lageberichten. Darüber können auch nicht die Histörchen hinwegtäuschen, wie dieser oder jener Genosse in einer Versammlung der SPD "das Wort ergriff". Mit der "Aktionsgemeinschaft" sieht es nach dem Eingeständnis der Untergrund-KP sehr schlecht aus.

Schlecht steht es auch um die "Kader". Der "Vortrupp der Arbeiterklasse" in der Bundesrepublik – das sind heute Parteibeamte, die nach dem Verbot ihrer Partei auch den letzten Kontakt mit der Umwelt verloren haben. Sie leben in einer Welt für sich und tun dabei so, als ob der westdeutsche Staat vor ihnen in Furcht erstarre. "Ja, wenn wir offen auftreten könnten, sähe es anders aus in der Bundesrepublik ..." Die Wahlergebnisse aus der Vor-Verbotszeit hindern die Kommunisten nur wenig bei dieser Flucht ins Land er Wunschträume.

Die Männer, die – wie Walter Fisch – vor vielen Jahren einmal auszogen, um "die Welt zu verändern", sind heute Bürokraten, die sorgfältig Parteibeiträge verbuchen und die Benzinquittungen der Dienstfahrten mit der Zentrale abrechnen. Ihre Untergrundtätigkeit ist mehr pedantische Geheimniskrämerei als politische Aktivität.

Nach zwei Jahren Untergrund sollte der Slogan "Die KPD lebt" revidiert werden. "Die KPD vegetiert" würde heute besser passen.