An den Staatsbesuch von Bundespräsident Heuss in den USA ist in der Bundesrepublik auch die Hoffnung auf eine schnellere und auch fairere Lösung des Komplexes „Feindvermögen“ geknüpft worden. Sie hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil: Amerikanische Regierungsbeamte erklärten vor wenigen Tagen unmißverständlich, daß die Gesetzesvorlage zur Regelung des deutschen Eigentums in diesem Jahr nicht mehr vom Kongreß beraten werden wird. Man hält offenbar weiterhin hartnäckig an der „kleinen“ Lösung fest, die Bonn nun praktisch schon – von Varianten abgesehen – seit 1954 offeriert wird und auf deutscher Seite bisher keine Gegenliebe fand. Die starre Haltung der USA hat in Westdeutschland enttäuscht.

Allgemein hatte die Bundesrepublik schon seit langem eine Regelung nach dem Beispiel der „großen“ Schweizer Lösung erwartet, die immerhin eine Rückgabe von zwei Dritteln der in der Eidgenossenschaft beschlagnahmten deutschen Vermögenswerte an die rechtmäßigen deutschen Eigentümer brachte. Vielleicht wäre man auch mit 50 : 50 einverstanden gewesen. Das strikte Festhalten Washingtons an der „kleinen“ Lösung mußte um so mehr überraschen, als Präsident Eisenhower noch vor rund einem Jahr sich unmißverständlich für die Unantastbarkeit des Privateigentums selbst in Kriegszeiten ausgesprochen hatte.

Wir Deutsche haben nach den bitteren Kriegsjahren gewiß am wenigsten Veranlassung, anderen Ländern Moral zu predigen. Es geht aber nicht an, daß die USA in puncto Unantastbarkeit des Auslandvermögens je nach Lust und Laune mit zweierlei Maß messen. Welche gefährlichen Auswirkungen solche Moral-Schizophremie haben kann, zeigte die Konfiszierung von Auslandvermögen in Indonesien und Ägypten; Nasser hat bei seinem damaligen Schritt eben auf das Beispiel des beschlagnahmten deutschen Eigentums in den USA hingewiesen. Hier zeigt sich eklatant, daß die starre und unnachgiebige Haltung Washingtons in der Eigentumsfrage ein gefährlicher Bumerang werden kann. Das sollte man in den USA nicht vergessen; denn was gestern in Ägypten und Indonesien geschah, kann sich morgen in einem Dutzend anderer Länder wiederholen. Und jedesmal hätte man ein wunderbares Alibi zur Hand. W. S.