Kein Wundermittel gegen die Kosteninflation

Zum ersten Rechenschaftsbericht der Bundesbank in der "Ära Blessing"

Von Erwin Topf

Unsere Zeit ist schnellebig, und so kann es passieren, daß wir die Zeitspanne, die seit irgendwelchen wichtigen Ereignissen der jüngsten Vergangenheit abgelaufen ist, gewaltig unterschätzen: weil die dazwischenliegenden Wachen so schnell vorübergerauscht sind, daß wir fast meinen, es sei "erst gestern" gewesen, als dies oder jenes geschah. Ein bezeichnendes Beispiel für diese perspektivische Verkürzung des hinter uns liegenden Zeitraumes ergab sich neulich, als einer unserer maßgebenden Wirtschaftspolitiker in seiner Begrüßungsrede zu einer der großen Verbandstagungen sagte, vor einem Jahr noch habe man von der sogenannten "Konjunkturüberhitzung" gesprochen und hart darüber gestritten, ob (und welche) "dämpfende" Maßnahme dagegen angebracht seien; heute aber habe man es schon mit der gegenteiligen Problematik zu tun.

Aber in Wirklichkeit liegt der harte Streit über die restriktiven Maßnahmen, mit denen die Zentralbank gegen Übernachfrage, Übereipansion und Überbeschäftigung aus konjunktur-, preis- und währungspolitischen Gründen vorgegangen ist, schon zwei volle Jahre zurück! Die beiden drastischen Diskonterhöhungen, die nach der ersten Vorwarnung (mit der Heraufsetzung der Bankrate um ein halbes Prozent im August 1955) erfolgt sind, datieren nämlich bereits vom Frühjahr 1956 (März und Mai). Es ist vielleicht recht nützlich, sich zu vergegenwärtigen, daß vor Jahresfrist, also zu Pfingsten 1957, der Diskont nach zweimaliger Senkung (September 1956 und Januar 1957) nur noch 4,5 v. H. betrug, und daß er mittlerweile (September 1957 und Januar 1958) wieder um zwei halbprozentige Staffeln herabgesetzt worden ist: auf 3,5 v. H. also – gegenüber einem Höchststand von 5,5 v. H., der für die relativ kurze Zeitspanne Mai / September 1956 galt.

Rückblickend ist dazu noch festzustellen, daß der Satz von 5,5 v. H. uns heute auch nicht mehr so exorbitant hoch und konjunkturmörderisch vorkommen will, wie er damals manchen sehr gewichtigen Leuten erschien. Inzwischen haben wir erlebt, daß die Bankrate in England auf sieben v. H. heraufgesetzt und längere Monate auf diesem Stand gehalten worden ist. Das macht deutlich, welche Gewaltkuren eine Zentralbank anwenden muß, wenn "man" – sei es in der Wirtschaftspolitik allgemein, sei es speziell in der Konjunktur- oder Währungspolitik – die Zügel allzulange hat schleifen lassen, und "plötzlich" vor der Notwendigkeit steht, das Prestige der Währung mit drastischen Maßnahmen zu verteidigen. Zugleich wird durch diese Gewaltkur und durch den Erfolg, den sie mittlerweile gehabt hat, hinreichend klar, daß die Diskontpolitik durchaus nicht, wie man sooft zu hören bekommt, "überholt, weil unwirksam, geworden" ist. Das Instrumentarium der Kreditpolitik, mit dem Kernstück der Diskontpolitik, kann und wird sich, von fester Hand geführt, in jeder Zahlungsbilanzkrise bewähren: siehe die Bundesrepublik in der Zeit nach dem Korea-Konflikt, siehe Großbritannien seit dem Herbst 1957.

Eine andere Frage, die auch in dem Geschäftsbericht der Deutschen Bundesbank für das Jahr 1957 mit viel Sorgfalt behandelt wird ist nun freilich, ob mit kreditpolitischen Mitteln "die Preise" (im Sinne des allgemeinen Preisniveaus) selbst dann zu halten sind, wenn sie durch ein Wachsen wichtiger Kostenelemente (wie der Löhne, der Energie- und Transportleistungen) "nach oben gedrückt werden". Der Bericht macht deutlich, daß es sich dabei nicht etwa nur um abstrakt-theoretische Überlegungen handelt, sondern um eine gegenwartsnahe konkrete Frage, weil nämlich

  • "das Preisniveau, trotz der offenkundigen konjunkturellen Entspannung, bis in die jüngste Zeit hinein (also Mai 1958) gestiegen ist, und zwar zeitweilig in kaum geringerem Maße, als in der Zeit der Hochkonjunktur... Diese Entwicklung ließ immer wieder Zweifel aufkommen, ob sich die Konjunktur wirklich schon so entspannt habe, daß man die Zügel der Kreditpolitik lockern könne, oder ob nicht doch eine Übernachfrage vorliege, die kreditpolitisch mit aller Konsequenz bekämpft werden sollte."

Kein Wundermittel gegen die Kosteninflation

Diese Zweifelsfrage wird von dem Bericht dahin beantwortet, daß bei. uns – wie eine genauere Analyse des Preisanstiegs der letzten anderthalb Jahre ergibt – etwa seit September 1956 die nachfragebedingten inflatorischen Tendenzen abgeklungen und durch kostenbedingte abgelöst worden sind. Dazu wird auf die "Anhebung" der Kohlen- und Stahlpreise im letzten Herbst und Winter verwiesen, die bei nachlassender Nachfrage als Konsequenz der Lohnsteigerungen vorzunehmen war, und weiterhin auf die "Aktion Preisentzerrung", mit dem Entschluß, bei gewissen, von hoher Hand "preisgebundenen" Erzeugnissen und Dienstleistungen "die Kostenerhöhungen fortan nicht mehr durch Subventionen aus Haushaltsmitteln zu kompensieren, sondern wenigstens teilweise in den Preisen (und Tarifen) in Erscheinung treten zu lassen". Wie man weiß, ist diese Aktion immer noch nicht ganz abgeschlossen: Minister Lübke ringt bis auf den heutigen Tag, dem Laokoon vergleichbar, um die Entzerrung der Milchpreis-Schlange.

Nur wenn die Käufer liquid sind

Gegen die Unterscheidung zwischen nachfragebedingten und kostenbedingten Preisauftriebstendenzen ist natürlich der berechtigte Einwand vorzubringen, daß auch eine wesensmäßig kostenbedingte allgemeine Preissteigerung nur dann durchzusetzen ist, "wenn die Geldseite mitzieht", wenn also "die Käufer bereit und in der Lage sind, für ihre Käufe mehr Geldmittel einzusetzen", sei es durch eine Kreditausdehnung, sei es durch den Einsatz finanzieller Reserven. "Hier liegt auch", so heißt es dazu in dem Bericht der Bundesbank, "eindeutig der Ansatzpunkt für die Gegenmaßnahmen, mit denen die Notenbank selbstverständlich auch gegen "kostenbedingte" Preissteigerungen vorgehen kann und eventuell vorgehen muß. Denn es liegt auf der Hand, daß Kostenerhöhungen ... das allgemeine Preisniveau nicht so leicht tangieren können, wenn die laufende Geldversorgung knapp ist und die Käufer daher weniger gewillt oder imstande sind, höheren Preisforderungen nachzugeben."

Damit ist die Frage, ob die Notenbank mit Aussicht auf Erfolg gegen kostenbedingte Preiserhöhungen einschreiten kann und ob sie das notfalls tun muß, grundsätzlich positiv beantwortet. Wie aber sollte die Bundesbank in der jüngsten Vergangenheit, wie soll sie hic et nunc verfahren? Der Bericht sagt hierzu, daß "relativ drastische Maßnahmen" erforderlich gewesen wären, um durch Preisermäßigungen auf anderen Gebieten jene administrativen oder quasi-administrativen "Preisanhebungen" zu kompensieren, die sich bis in die letzten Monate hinein in bekannter Weise auf das allgemeine Preisniveau ausgewirkt haben. Das ist durchaus richtig, weil es bei der erheblichen Bedeutung, den die von hoher Hand verfügten Kostenfaktoren haben, nur verhältnismäßig wenige Branchen und Betriebe gibt, die in der Lage wären, auch nach einer drastischen Senkung ihrer Erlöse die Produktion aufrechtzuerhalten oder sogar zu steigern. Man hätte also beim Entschluß, eine Stabilisierung des Preisniveaus durch rigorose kreditpolitische Maßnahmen zu erzwingen, mit Betriebsstillegungen beträchtlichen Maßes und mit einer Konzentration der Erzeugung in den kostenbegünstigten Betriebsstätten rechnen müssen. Hinzugekommen wäre ein entsprechender Beschäftigungsrückgang, der dann gewiß ausgereicht hätte, Lohnsteigerungen zu verhindern. Das alles wäre politisch natürlich nicht möglich gewesen, und kommt heute, nach dem Abklingen der inflationären Tendenzen, schon gar nicht mehr in Frage. Geldpolitisch aber hätte eine solche Gewaltpolitik zu schlimmen Komplikationen geführt, wie der Bericht sagt:

"Das Zinsgefälle gegenüber dem Ausland hätte sich damit noch verstärkt; mehr und mehr Finanzierungsvorgänge wären ins Ausland verlagert worden, und ausländisches Geld wäre... in noch stärkerem Maße, als es ohnedies der Fall war, in die innere Zirkulation geströmt; die Zahlungsbilanzüberschüsse hätten sich damit noch erhöht, und die Wirkung der Kreditverknappung wäre infolgedessen zumindest teilweise neutralisiert worden. Auch mit einem weiteren Ausweichen der Wirtschaft auf den Weltmarkt hätte gerechnet werden müssen."

Versteckte Preissenkungen

Konjunkturpolitisch aber – und das ist schließlich der Kardinalpunkt – ergab sich durchaus kein zwingender Anlaß dazu, eine absolute Preis- . Stabilität um jeden Preis zu erzwingen und alle anderen Erwägungen rücksichtslos dem preispolitischen Gesichtspunkt unterzuordnen. Die Notenbankleitung konnte nämlich seit dem Herbst 1956 – sonst wäre ja auch die damals verfügte Diskontsenkung völlig unverantwortlich gewesen! – ihrer Sache sicher sein: Die kreditpolitischen Bremsen gegen Überexpansion und Übernachfrage waren wirksam geworden, und der "Dämpfer", den man der Konjunktur aufgesetzt hatte, versprach eine nachhaltige Wirkung. Dies war auch deshalb der Fall, weil jene mäßigenden Gegenkräfte wachgerufen wurden, die im wirtschaftlichen Geschehen stets immanent vorhanden, zeitweilig aber infolge der allgemeinen Überschätzung der Auftriebskräfte überdeckt sind. Die Gegen-, kräfte brauchen freilich eine gewisse Zeit, bis sie sich durchsetzen und in ihrer Wirkung sichtbar werden. "An sich" wären bei nachlassender Konjunktur schon sehr bald Ansätze zu Preissenkungen zu erwarten gewesen. Daß sie ausblieben und sogar noch recht fühlbare Preissteigerungen eintraten, mußte die Zentralbankleitung zwar zu erhöhter Wachsamkeit veranlassen, konnte sie aber in ihrer Beurteilung der Konjunktursituation nicht irremachen. Zumal deshalb nicht, weil die folgende Überlegung anzustellen war:

Kein Wundermittel gegen die Kosteninflation

"Bei Preissteigerungen, die von der Nachfrageseite ausgelöst werden, eilt der Preis in der Regel den Kosten voraus; solche Preissteigerungen haben mithin die Tendenz, die Profitrate zu erhöhen und stimulierend auf die Investitionsneigung zu wirken, was die Nachfrage-Expansion zumeist verstärkt und so dem Preisauftrieb neue Nahrung zuführt. Preissteigerungen dagegen, zu denen der Anstoß von der Kostenseite ausgeht, hinken in der Regel hinter den Kostenerhöhungen einher; sie erhöhen mithin die Profitrate nicht, sondern reichen oft sogar nicht einmal aus, um die gestiegenen Kosten voll zu decken, so daß die Gewinnspanne geringer wird und die Investitionsneigung eher abnimmt In der Tat ist unter dem Einfluß all dieser Faktoren und nicht zuletzt auch der weltwirtschaftlichen Preisentwicklung in jüngster Zeit ein merkliches Nachlassen des Preisauftriebs zu beobachten ...

Unter der Oberfläche haben die Preise z. T. schon abzubröckeln begonnen, denn ungeachtet der offiziell noch aufrechterhaltenen Listenpreise hat die Gewährung von Rabatten, Sonderpreisen und ähnlichen Preiskonzessionen in letzter Zeit sichtlich Fortschritte gemacht."

Der Lagerzyklus am Werk

Diese Überlegung liefert ein treffendes Beispiel für das Wirksamwerden des "Zeitfaktors" – genauer gesagt, für das, was in der angelsächsischen Wirtschaftslehre als time lag bezeichnet wird, um allmählich und zunächst nur zögernd einsetzende Reaktionen auf veränderte Konstellationen der ökonomischen Daten zu charakterisieren. In der deutschen Fachsprache gebraucht man dafür gewöhnlich das steifleinene Wort "Phasenverschiebung". Aber "zeitlicher Verzug" wäre wohl plastischen – und warum eigentlich soll man nicht von einem "Nachhinken" sprechen?

Der Sachverhalt, um den es hier geht, gewinnt seine besondere Bedeutung angesichts der Frage, ob sich nicht bereits ein "Zuviel" an Selbstbremsung der Konjunktur ergeben habe: in später Nachwirkung der "bewußt und gewollt" restriktiven ("dämpfenden") Maßnahmen von 1956 – aber vielleicht auch durch die bis in die Gegenwart kräftig fortgeführte Offenmarktpolitik der Bundesbank, mit der sie die Liquiditätsfülle "gebunden" hat, die aus den (im wesentlichen exportbedingten) Zahlungsbilanzüberschüssen resultierte. Gegen solche Bedenken spricht, daß sich jetzt erst, mit beträchtlicher zeitlicher Verzögerung, die von dem sogenannten Lagerzyklus ausgehenden Wirkungen "absatzmindernd" geltend machen; Wirkungen, die aber nur vorübergehender Natur sind, also keineswegs zu "negativen Kettenreaktionen" führen, und die eine Tendenz zur Selbstheilung in sich tragen.

In der Konjunkturtheorie weiß man längst, daß der Aufbau der Lagerbestände bei den Verarbeitern (oder, im Falle von Konsumgütern bei den Detaillisten) und insbesondere beim Großhandel mit einem gewissen time lag erfolgt. Eine Lagerbildung großen Stils kommt nämlich erst dann in Gang, wenn die Konjunktur "voll im Saft steht"; wenn die Auftragsbestände über die Produktion hinaus ansteigen und die Lieferfristen wachsen – wenn also die Ware dem Anbieter "aus den Händen gerissen" wird. Das war bei uns – wenigstens in den "investitionsreagiblen" Branchen, wie beim Walzstahl – etwa seit der Jahreswende 1954/55 der Fall.

Selbstverständlich hat die Anfang 1955 mit der erwähnten Phasenverschiebung einsetzende großzügige Lagerbildung den betreffenden Sparten der Gesamtkonjunktur neue Impulse gegeben. Jetzt schlug die Übernachfrage durch, und damit begann also jene später nicht gerade glücklich als "Überhitzung" bezeichnete Konjunkturphase. Eines Tages war es dann endgültig klargeworden, daß man das Wundermittel, die Hochkonjunktur als Dauerzustand zu halten, eben doch "noch" nicht zur Hand hatte. Und als nun weniger neue Aufträge einliefen, dafür aber mehr Auftragsstornierungen, kam ganz folgerichtig der Lagerabbau in Gang. Auch das natürlich mit einem analogen zeitlichen Verzug, wie seinerzeit beim Lageranbau: genauso eben, wie es die Theorie besagt, wenn sie davon spricht, daß der Lagerzyklus dem allgemeinen Konjunkturzyklus "mit einem gewissen time lag folgt".

Kein Wundermittel gegen die Kosteninflation

Weil das so ist, erleben wir es gerade jetzt, daß die neue, etwa seit Jahresbeginn zu registrierende leichte Belebung im Investitionsgüterbereich bei der Lagerhaltung "aufgefangen" und somit nicht sofort an die Zulieferer weitergegeben wird. Sie wird bei diesen eben erst mit einem merklichen zeitlichen Verzug ankommen. Diese Auswirkungen des Lagerzyklus mögen manchen der davon betroffenen Vorlieferanten höchst unbequem sein; gesamtwirtschaftlich aber hat die sich damit durchsetzende Normalisierung ihr Gutes: zumal deshalb, weil sie zeigt, daß die "Preisidee" in den betreffenden Branchen auf eine länger dauernde Stabilität gerichtet ist, und daß jedenfalls eher mit einem Käufermarkt als mit dem Gegenteil gerechnet wird.

Ruhr-Halden-Rütli

"Wir wollen sein, ein

einzig Volk von Brü-

dem, uns keinem

Heizöl beugen noch

Import!"