Diese Zweifelsfrage wird von dem Bericht dahin beantwortet, daß bei. uns – wie eine genauere Analyse des Preisanstiegs der letzten anderthalb Jahre ergibt – etwa seit September 1956 die nachfragebedingten inflatorischen Tendenzen abgeklungen und durch kostenbedingte abgelöst worden sind. Dazu wird auf die "Anhebung" der Kohlen- und Stahlpreise im letzten Herbst und Winter verwiesen, die bei nachlassender Nachfrage als Konsequenz der Lohnsteigerungen vorzunehmen war, und weiterhin auf die "Aktion Preisentzerrung", mit dem Entschluß, bei gewissen, von hoher Hand "preisgebundenen" Erzeugnissen und Dienstleistungen "die Kostenerhöhungen fortan nicht mehr durch Subventionen aus Haushaltsmitteln zu kompensieren, sondern wenigstens teilweise in den Preisen (und Tarifen) in Erscheinung treten zu lassen". Wie man weiß, ist diese Aktion immer noch nicht ganz abgeschlossen: Minister Lübke ringt bis auf den heutigen Tag, dem Laokoon vergleichbar, um die Entzerrung der Milchpreis-Schlange.

Nur wenn die Käufer liquid sind

Gegen die Unterscheidung zwischen nachfragebedingten und kostenbedingten Preisauftriebstendenzen ist natürlich der berechtigte Einwand vorzubringen, daß auch eine wesensmäßig kostenbedingte allgemeine Preissteigerung nur dann durchzusetzen ist, "wenn die Geldseite mitzieht", wenn also "die Käufer bereit und in der Lage sind, für ihre Käufe mehr Geldmittel einzusetzen", sei es durch eine Kreditausdehnung, sei es durch den Einsatz finanzieller Reserven. "Hier liegt auch", so heißt es dazu in dem Bericht der Bundesbank, "eindeutig der Ansatzpunkt für die Gegenmaßnahmen, mit denen die Notenbank selbstverständlich auch gegen "kostenbedingte" Preissteigerungen vorgehen kann und eventuell vorgehen muß. Denn es liegt auf der Hand, daß Kostenerhöhungen ... das allgemeine Preisniveau nicht so leicht tangieren können, wenn die laufende Geldversorgung knapp ist und die Käufer daher weniger gewillt oder imstande sind, höheren Preisforderungen nachzugeben."

Damit ist die Frage, ob die Notenbank mit Aussicht auf Erfolg gegen kostenbedingte Preiserhöhungen einschreiten kann und ob sie das notfalls tun muß, grundsätzlich positiv beantwortet. Wie aber sollte die Bundesbank in der jüngsten Vergangenheit, wie soll sie hic et nunc verfahren? Der Bericht sagt hierzu, daß "relativ drastische Maßnahmen" erforderlich gewesen wären, um durch Preisermäßigungen auf anderen Gebieten jene administrativen oder quasi-administrativen "Preisanhebungen" zu kompensieren, die sich bis in die letzten Monate hinein in bekannter Weise auf das allgemeine Preisniveau ausgewirkt haben. Das ist durchaus richtig, weil es bei der erheblichen Bedeutung, den die von hoher Hand verfügten Kostenfaktoren haben, nur verhältnismäßig wenige Branchen und Betriebe gibt, die in der Lage wären, auch nach einer drastischen Senkung ihrer Erlöse die Produktion aufrechtzuerhalten oder sogar zu steigern. Man hätte also beim Entschluß, eine Stabilisierung des Preisniveaus durch rigorose kreditpolitische Maßnahmen zu erzwingen, mit Betriebsstillegungen beträchtlichen Maßes und mit einer Konzentration der Erzeugung in den kostenbegünstigten Betriebsstätten rechnen müssen. Hinzugekommen wäre ein entsprechender Beschäftigungsrückgang, der dann gewiß ausgereicht hätte, Lohnsteigerungen zu verhindern. Das alles wäre politisch natürlich nicht möglich gewesen, und kommt heute, nach dem Abklingen der inflationären Tendenzen, schon gar nicht mehr in Frage. Geldpolitisch aber hätte eine solche Gewaltpolitik zu schlimmen Komplikationen geführt, wie der Bericht sagt:

"Das Zinsgefälle gegenüber dem Ausland hätte sich damit noch verstärkt; mehr und mehr Finanzierungsvorgänge wären ins Ausland verlagert worden, und ausländisches Geld wäre... in noch stärkerem Maße, als es ohnedies der Fall war, in die innere Zirkulation geströmt; die Zahlungsbilanzüberschüsse hätten sich damit noch erhöht, und die Wirkung der Kreditverknappung wäre infolgedessen zumindest teilweise neutralisiert worden. Auch mit einem weiteren Ausweichen der Wirtschaft auf den Weltmarkt hätte gerechnet werden müssen."

Versteckte Preissenkungen

Konjunkturpolitisch aber – und das ist schließlich der Kardinalpunkt – ergab sich durchaus kein zwingender Anlaß dazu, eine absolute Preis- . Stabilität um jeden Preis zu erzwingen und alle anderen Erwägungen rücksichtslos dem preispolitischen Gesichtspunkt unterzuordnen. Die Notenbankleitung konnte nämlich seit dem Herbst 1956 – sonst wäre ja auch die damals verfügte Diskontsenkung völlig unverantwortlich gewesen! – ihrer Sache sicher sein: Die kreditpolitischen Bremsen gegen Überexpansion und Übernachfrage waren wirksam geworden, und der "Dämpfer", den man der Konjunktur aufgesetzt hatte, versprach eine nachhaltige Wirkung. Dies war auch deshalb der Fall, weil jene mäßigenden Gegenkräfte wachgerufen wurden, die im wirtschaftlichen Geschehen stets immanent vorhanden, zeitweilig aber infolge der allgemeinen Überschätzung der Auftriebskräfte überdeckt sind. Die Gegen-, kräfte brauchen freilich eine gewisse Zeit, bis sie sich durchsetzen und in ihrer Wirkung sichtbar werden. "An sich" wären bei nachlassender Konjunktur schon sehr bald Ansätze zu Preissenkungen zu erwarten gewesen. Daß sie ausblieben und sogar noch recht fühlbare Preissteigerungen eintraten, mußte die Zentralbankleitung zwar zu erhöhter Wachsamkeit veranlassen, konnte sie aber in ihrer Beurteilung der Konjunktursituation nicht irremachen. Zumal deshalb nicht, weil die folgende Überlegung anzustellen war: