Berlin, im Juni

Was wären wir ohne die zwanziger Jahre! Ein goldenes Dezennium allerdings war das ja keineswegs; aber Originalität gedieh: die Baukunst, die Dichtung, die Demokratie mischten Farben, von deren Abglanz noch wir unser Leben haben.

Soweit es lustige, verspielte „Twenties“ waren, fanden sie sich vor allem hier in Berlin. So bedeutet es in unserer abrupten Gegenwart eine zierliche Tradition, daß die „Charlestonlinie“ und all der andere holde Unsinn der Mode heute abermals in Berlin dargeboten wird.

Kreieren, das tut man in Paris, noch immer der Mount Everest der Haute Couture. Italien meldet sich mit genuiner Grandezza aus Florenz, Rom, Mailand. Unsere „Durchreise“ hier, die große Mustermesse der DOB, der „Damen-Oberbekleidungs-Industrie“ (unausrottbares Wortungeheuer!), sie dient populäreren Zwecken. Hier wird gezeigt, gehandelt, verkauft.

Rehäugige Nymphen, über den Kurfürstendamm schwebend, an beschlagenen Eisbechern nippend, sie sind nur die kokettierenden Blüten am Baum solider Ökonomie. Ein ernstes Handwerk steht hinter ihnen, und auch ihre Arbeit, das Vorführen, Probieren und ausdauernde Lächeln ist keineswegs eitel Tändelei, nicht einmal üppig honoriert werden die üppigen Formen vom Scheitel bis zur Sohle, die Haltung, die Anmut der Präsentation. Das Geschäft mit den Fotos allein kann es dann bringen.

Nur einige Hundert dieser hübschen Frauen laufen. Aber fast 5000 Personen reisen insgesamt „durch“. Uns es leben in Berlin 60 000 Menschen in 350 Betrieben von dem kostspieligen Bedürfnis der Damen, nicht nur zweckmäßig, sondern auch schön gehüllt zu gehen in Wolle und Pelz, Nylon und Seide – und Samt.

Samt zum Beispiel ist wieder aktuell für den Winter. Was nämlich hier über den Laufsteg ging dieser Tage, war die Vorschau auf die kommende kältere Zeit. Ein halbes Jahr mindestens planen sie immer voraus, die geschickten Meister des Zwirns und der Schere. Stoffe müssen noch früher entworfen, gesponnen, gemustert werden und disponibel sein. Die Mode hat einen langsameren Rhythmus, als die Brieftasche, die saisonweise strapaziert, wahrhaben will.