XXII. Wohin rollst du, Globus? – Reiches Land Südwest – Rhodesien am Scheidewege

Von A. E. Johann

Die ehemalige deutsche Kolonie Südwestafrika, praktisch ein Teil der Südafrikanischen Union, schwebt staatsrechtlich in der Luft. Als nach dem zweiten Weltkrieg der Völkerbund aufhörte zu bestehen, wurde die Mandatsaufsicht für die ehemaligen deutschen Kolonien dem Treuhandrat der Vereinten Nationen unterstellt. Die Südafrikanische Union aber erkannte als einziger der ursprünglichen Mandatare die Rechtsnachfolge der Vereinten Nationen nicht an. Südwestafrika wurde ein politisches Unikum. Es ist noch nicht eine Provinz der Union, untersteht aber auch nicht den Vereinten Nationen. „Die Südwester aber zweifeln nicht, daß ihr Land so oder so zur Union gehört“, diese Feststellung machte A. E. Johann in der letzten Ausgabe an dieser Stelle über die staatsrechtliche Stellung Südwestafrikas, ein Gebiet, das auch heute noch als einziges Land außerhalb Europas deutsche Charakterzüge aufweist und in dem die deutsche Sprache amtlich zugelassen ist. Der Autor schildert heute die gesunde Wirtschaft des reichen Landes Südwest und beginnt dann seinen Bericht über die „Föderation von Rhodesien und Njassaland“, wohin er seine Reise fortgesetzt hat.

Südwestafrika, dieses weite schöne Land mit der kristallklaren Luft, die mit den Düften der kaum gezähmten Wildnis geschwängert ist, dieses große, friedvolle Land, indem ein jeder Platz hat, ist reich. Es ist größer als Frankreich und die Bundesrepublik zusammen und zählt eine halbe Million Menschen. Es führt viel mehr aus als ein. Ein Drittel der Ausfuhr wird von den Diamanten der Wüstenküsten nördlich der Oranje-Mündung gestellt. Weitere 18 v. H. stammen von den Blei-Erzen aus Tsumeb; dazu Kupfer, Zink, Silber, Vanadium, Mangan. Neuerdings ist auch in Südwest Uran gefunden worden; aber hier wie überall auf der Welt werden Umfang und Wert der Vorkommen ängstlich geheimgehalten. Die große amerikanische Gesellschaft Bethlehem Steel Corp. hat in dem entlegenen Bergland Kaokoveld im äußersten Nordwesten des Landes reiche Eisenerzvorkommen erkundet. Die technischen Spürtrupps im Kaokoveld konnten aus der Luft versorgt werden. Sie steckten eine Minenstadt, einen Schienen- und Autoweg zur Küste und einen Verladehafen für die Erze ab und dann – ließen die Amerikaner das ganze Projekt einschlafen. Wahrscheinlich haben sie vor, die Erzlager als stille Reserve für Notfälle aufzubewahren.

Daran hat natürlich die Südwester Administration keine Freude. Sie wird kaum bereit sein, die den Amerikanern erteilte Lizenz zu verlängern, wenn die „Bethlehem Steel“ nicht mit der Ausbeutung der Vorkommen beginnt. Über kurz oder lang werden auch im Kaokoveld Technik und Industrie einziehen, eine der letzten Inseln des alten unberührten Afrika ist dann nicht mehr.

Wenn auch der Export von Minenprodukten den der landwirtschaftlichen Erzeugnisse weit über trifft – etwa ein Viertel der Staatseinnahmen stammt allein aus den Abgaben der Minen – so wird doch das Bild des Landes durch die Viehwirtschaft bestimmt. Vier Millionen Karakulschafe weiden in den lichten Dornbuschwildnissen des Landes und anderthalb Millionen Rinder, wobei sich die Schafe mit den nach Süden immer dürftiger und wüstenhafter werdenden Steppen begnügen, während die Rinderherden die Mitte des Landes locker bevölkern. Für das Vieh bildet die Südafrikanische Union den besten Abnehmer. Die Persianer-Fellchen aber werden in die ganze Welt exportiert: etwa drei Millionen Fellchen – „schwarzes Gold“ – im Jahr. Die Karakulzucht erfordert große Sorgfalt; sie leidet zunehmend an einem weitverbreiteten Übel in Afrika, dem Mangel an geeigneten Arbeitskräften, vor allem dem Mangel an zuverlässigen Hirten, denen man eine kostbare Herde von hundert Tieren Tag für Tag im einsamen Busch anvertrauen kann. Auch die Schwarzen haben längst gelernt, eine Tätigkeit in der Stadt den nie endenden Wanderungen hinter den zottigen Schafen durch den stillen, menschenleeren Busch vorzuziehen. Die Karakulzucht Südwests hat außerdem auf den Weltmärkten mit einer steigenden Konkurreiz des russischen Persianers zu rechnen, die gefährlich werden kann, da es die Russen sich leisten könnten, die Südwester Preise zu unterbieten.

Südwest, dessen stets von Dürre bedrohten Steppen nur eine sehr extensive Viehzucht zulassen, ist heute einigermaßen besiedelt. Schon schieben sich die Farmen, etwa im Nordwesten, in Gebiete vor, die nur noch in günstigen Jahren sichere Erträge versprechen. Trotzdem ist das Land weit davon entfernt, erschlossen zu sein. Noch versickert und verfließt viel des kostbaren Wassers der unzuverlässigen Regenzeiten ungenutzt. Aber niemals wird das Land eine dichte Bevölkerung tragen können. Stets wird es mit seinen schönen Antilopen, den Elefanten, Leoparden und Löwen, die aus den Viehzuchtgebieten schon verdrängt sind, mit seinen Pavianen, Hyänen, Mungos und Schakalen ein Stück afrikanischer Wildnis bleiben, einsam, weit und schön.