Von Werner Richter

W. R., London, im Juni

Etwas aufgeregt registirert man hier und dort in Europa die starken Abflüsse aus den amerikanischen Goldreserven. Seit Jahresanfang sind es über 1,2 Milliarden Dollar, und in den letzten Wochen ist dieser Strom immer breiter geworden. Gleichzeitig hat der Goldpreis in London einen Höchststand erreicht. Sogar die lange vernachlässigten Goldminenaktien haben stürmische Liebhaber gefunden. Nicht nur französische und britische, sondern auch amerikanische private Käufer werden von den Kaffirs – so heißen die südafrikanischen Goldminenaktien in der Börsensprache – angezogen.

Es gibt für den Goldabfluß aus den USA eine durchaus natürliche Erklärung, ohne daß man den ausländischen Notenbanken, die ihn verursacht haben, spekulative Überlegungen zu unterstellen braucht. New York ist für zahlreiche Länder das erkorene „Reservezentrum“. Soweit Devisenüberschüsse nicht in Gold angelegt werden, hält man sie in Dollarguthaben, meist in Form von amerikanischen Schatzwechseln. Daß man sich um so mehr für die Schatzwechsel entscheidet, ja höher deren Zins ist, bedarf kaum einer Erklärung. Bis auf 3,67 v.H. war im vergangenen Jahr der Schatzwechselzins zeitweise gestiegen; seit Wochen bewegt er sich unterhalb von ein Prozent und in der letzten Auktion ist er auf 0,633 v. H. gefallen. Also legen die Notenbanken ihre Überschüsse in Gold an. Ähnlich war es übrigens in der letzten Recession von 1953/54. Auch damals setzte mit dem Zinssturz in New York der Goldabstrom ein.

Die goldenen Barren verlassen in der Regel zwar nicht die Lagergewölbe in den USA. Sie werden lediglich anders daklariert, als „earmarked“, für eine ausländische Notenbank reserviertes Gold; denn nur diese werden von den amerikanischen Währungsbehörden als Verkäufer und Käufer akzeptiert. Zur Zeit lagern 7 bis 8 Milliarden Dollar ausländisches Gold in amerikanischen Tresoren; neben amerikanischen Beständen von 21,6 Milliarden Dollar.

Aber nicht allein der Zinssturz in New York hat das Gold in Bewegung gebracht. Einige Länder, nämlich die Schweiz, Belgien und die Niederlange, legen ihre Reserven grundsätzlich in Gold an, mag der Zins in New York hoch oder niedrig sein. Hohe Devisenüberschüsse dieser Gruppe von Ländern – in den dreißiger Jahren waren es die Mitglieder des Goldblocks – lösen immer eine Goldnachfrage aus, so auch wieder jetzt. Dann hingt es nur von der Relation der Preise in New York und in London ab, wo das Gold gekauft wird. Übrigens hat auch die Bundesrepublik seit 1956 nicht mehr ihre Dollarguthaben vermehrt, sondern alle Überschüsse in Gold investiert, soweit sie nicht automatisch als EZU-Kredite stehenblieben.

Am britischen „Bullionmarkt“ ist für den Außenstehenden die Preisbildung höchst undurchsichtig. Jeder, der Dollar hat, darf kaufen und verkaufen, natürlich über die amtlichen Händler. So trifft hier ein buntgeschecktes Angebot mit einer ebenso gemischten Nachfrage zusammen. Notenbanken, arabische Ölscheichs, der Goldschmuggel nach Frankreich, nach Indien und dem F;rnen Osten, alles das sammelt sich auf diesem Markt. Offiziell haben die Kurse weder feste Obernoch Untergrenzen; aber die Bank von England ist stets im Markt; sie darf als Notenbank jederzeit auf die amerikanische Notenbank zurückgreifen, de in unbegrenzter Menge Gold zu festem Preis abgibt und annimmt.