Von Gerhard Schubert

Vielfach ist der Eindruck entstanden, daß es sich bei den Erbschädigungsgefahren durch strahlende Energie um ein völlig neues Problem handele. Das stimmt keineswegs. Vielmehr sind die genetischen Grundlagen der Erbgutschädigungen durch physikalische oder chemische Noxen seit langem bekannt. Vor allem mein alter Lehrer N.W. Timofeeff-Resovsky hat neben dem Amerikaner Müller entscheidenden Anteil daran, daß die Möglichkeit einer Erbschädigungsgefahr durch Strahlungsenergie frühzeitig erkannt und daß die Erkenntnisse durch wohlfundierte Experimente gestützt wurden.

Alle diese Ergebnisse und Vorstellungen über Wesen und Ursachen der menschlichen „Erbschädigungen“ habe ich vor zwanzig Jahren in einem kleinen Band der „Probleme der speziellen und angewandten Genetik“ zusammengefaßt. Offensichtlich aber bedurfte es erst eines besonderen Anstoßes, diese heute keineswegs überholten Anschauungen wieder aktuell werden zu lassen.

Wenn ich mich mit den Risiken für den Menschen durch kernphysikalische Energien auseinandersetze, so geschieht das nicht in der Absicht, ein abgerundetes Bild über das qualitative und vielleicht sogar quantitative Problem der genetischen Strahlenschädigungen zu entwerfen. Ein derartiges Bild würde allerhöchstens die Unsicherheiten und Unzulänglichkeiten verdecken, mit denen praktisch alle Aussagen auf dem Gebiete der Humangenetik behaftet sind.

Ich betrachte es vielmehr als meine Aufgabe, die physikalischen und biologischen Gegebenheiten bei der Einstrahlung nuklearer Energien auf den Menschen abzuwägen und die Schwierigkeiten aufzuzeigen, die allen exakten zahlenmäßigen Angaben über die Größe der Erbschädigungsgefahren entgegenstehen und die letztlich zu dem unglückseligen Streit der Meinungen in der Öffentlichkeit geführt haben.

Wo liegen die Gefahrenquellen bei der Verwendung kernphysikalischer Energien? Sie liegen

1. bei der Verwendung künstlich radioaktiver Isotope in Technik, Naturwissenschaft und Medizin;