Während Bundeswirtschaftsminister Professor Erhard im Kampf um die Preise an die Verbraucher appellierte und diese zu kritischem Prüfen und Vergleichen aufforderte, während Bundesernährungsminister Lübke mitteilte, daß die Bundesregierung bald allwöchentlich über den Rundfunk die Lebensmittelpreise publik machen werde, damit die Hausfrauen kritischer einkaufen können, machten wir Erfahrungen, die ebenso typisch wie traurig sind.

Es ist Spargelzeit. Sie hat etwas verspätet eingesetzt, doch nun strömen die aromatischen Stangen von draußen und jetzt auch von drinnen in die Geschäfte. Die Preise von anfangs über 3 DM, dann 2,80, 2,60 und 2,40 DM, pendeln inzwischen schon unter 2 DM aus. Jedoch scheint für die bundesdeutschen Hausfrauen beileibe nicht das gut aussehende, aber billigere Angebot auch das beste. Blauköpfiger Spargel, dick und wohlverpackt, zum Preise von 1,50 DM „zieht“ nicht; es muß schon jener, nicht wesentlich attraktiver aussehende für 1,90 oder mehr sein (an Wochenenden 2,40 bis 2,60 DM). Der wird gekauft. Die Lieferanten: Frankreich und Holland. Auf die Frage, warum der billigere Spargel „nicht gehe“, kommt die Antwort: „Der französische Spargel ist nicht so gut aussortiert wie der holländische, es sind schon einmal etwas dünnere Stangen oder abgebrochene Stücke darunter“. Die Hausfrauen verlangen jedoch den Spargel „einheitlich bitte“, sozusagen alle Stangen in gleicher Größe (und Dicke) wie die friederizianischen Gardesoldaten...

Auch Gärtner aus Liebhaberei brauchen Blumenstöcke. Eine Nachfrage im einschlägigen Fachgeschäft bringt unerfreuliche Überraschungen. Die guten alten, einfachen Holzstöcke für 30 oder 35 Pfennige haben ausgedient und sind nicht mehr gefragt. Es muß heute schon ein Bambusstock für 0,75 DM sein, um daran die teuren Dahlien recht teuer hochwachsen zu lassen. Auf die Frage, was denn die Schrebergartenbesitzer z.B. mit ihren Tomaten machen, kommt die Antwort: Die nehmen doch keine simplen Holzstöcke dafür. Nur Bambusstöcke werden gewünscht, andere zu führen lohnt sich kaum noch...

Die Kontrahenten sind jedoch auch nicht von schlechten Eltern: Nach einem Bericht des Gemüse-Großmarktes in Düsseldorf (Datum spielt keine Rolle, das Beispiel ist typisch) kaufte der Handel dort das Bund Radieschen für 15 bis 17 Pfennige, je nach Qualität, ein und legte für das Bündchen Petersilie 2 bis 5 Pfennige auf den Tisch. Ein kleiner Transport vom Großmarkt zum Ladentisch – und das Bund Radieschen war auf einen Preis von 0,65 bis 0,80 DM, das Bündchen Petersilie auf 25 Pfennige geklettert...

Zum Abschluß ein Beispiel von Wirtschafts-„Demokratie“: Ein sozusagen fliegender, im Zeichen der Zeit motorisierter Gemüsehändler darf gewisse Straßen nicht mehr mit seinem Kundendienst und Lieferung frei Haus beglücken. Sein Schellen und Ausrufen des Angebotes ist dort verstummt. Grund: Lebensmittelgeschäfte in seinem Einzugsgebiet haben sich beschwert. Er treibe unlautere Konkurrenz und werbe Kunden ab. So müssen also die dort ansässigen Hausfrauen laufen und schleppen, damit der König Kaufmann auf seine Kosten kommt...

Daß Vater Staat munter mitspielt, zeigt die kürzlich verfügte Einlagerung von Butter zur „Entlastung“ des Buttermarktes und zur Milderung des Preisdruckes durch das zur Zeit bestehende Überangebot, die Drosselung der freien Einfuhren an den Grenzen und die im Ernst angestellten Erwägungen, die besten Kunden des Milchhandels, die Stammkunden mit Dauerauftrag, für die Lieferung frei Haus zu einigen Pfennigen Preisaufschlag zu verdonnern ...

Nur einige Streiflichter, gleichermaßen typisch und traurig. Barbara Reichelt-Hopf