Zwischen Winsen und München alles o.k.

J.M.-M., Stöckte am Deich bei Winsen an der Luhe

Jetzt, da München die 800-Jahr-Feier begeht, ist nicht nur der Anlaß gegeben, die Weißwürscht, das Hofbräuhaus, die Oktoberwies’n, die Pinakothek und die bayerische Staatsoper zu preisen – und vieles, vieles Herrliche mehr –, sondern wir sollten aufgelegt sein, uns auch jenes Stadtgründers zu erinnern, der als Heinrich der Löwe in die Geschichte eingegangen ist. Und dabei sollten wir, die wir nahe der flachen Küste leben und deshalb den bergnahen Bayern besonders zugetan sind, eine spezielle Tatsache ins Auge fassen: das Faktum, daß Heinrich der Löwe nicht bloß München an der Isar, sondern auch Winsen an der Luhe gegründet hat. Wohlaufgemerkt denn also: Mitte Mai feierte die norddeutsche Eckermann-Stadt ihr 800jähriges Bestehen (und tut es noch), Mitte Juni schickt sich das süddeutsche Isar-Athen zur selben Feier an (und wird noch lange feiern). Es handelt sich aber hier um zwei Städte, die nicht nur die Jubelzahl 800, sondern auch die Kilometerzahl 800 gemeinsam haben. ‚Na, und?‘, wie Tucholsky, ‚Et alors?‘, wie die Franzosen sagen...

Vergegenwärtigen wir uns doch bitte, daß wir das, was man damals „Straßen“ nannte, keineswegs mit dem vergleichen können, was uns (trotz Seebohm) heute Straßen sind! Werden wohl allerlei Wälder, Sümpfe, Flüsse, Bäche, Moore, Berge, Schluchten zwischen Winsen und München gelegen haben! Wird wohl mancher Umweg nötig gewesen sein, schlimmer als manche Umleitung im modernen München! Wird man wohl gut und gern das Doppelte an Kilometerzahlen rechnen müssen! So, und nun der Herzog!

Ist es aber schicklich, nicht nur an München und Winsen, sondern auch an ihren Gründer zu denken, so sehen wir im Geiste diesen Mann: Helm oder Krone auf dem Kopf, Rüstung oder Hermelin an den Schultern, Reitpeitsche oder Schwert an der Seite; kein federleichter Jockey, sondern ein Schwergewicht. Und jetzt rauf, aufs Pferd! – Rechnet der Herzog, der Winsen soeben erfolgreich gegründet hat, daß er pro Stunde fünf Kilometer wird zurücklegen können, so kommt er bei sechsstündigem Ritt auf täglich dreißig Kilometer. Das ergibt im Monat, die Sonntage abgezogen (an denen der Herzog in die Kirche muß), just die direkte Strecke von Winsen nach München, Umwege nicht einkalkuliert. Ein Herzog aber wird nicht kalkulieren? Er wird!

Während er die Zügel faßt und sich im Sattel vorbeugt, wird er sich sagen, daß er bei vielfachen Umwegen im unwegsamen Norddeutschland und vielfachen Umleitungen im zivilisierten Bayern noch einen Sporn wird hineinschieben müssen, damit er mindestens zehn Kilometer pro Stunde schafft (10 km/st); sonst kommt er am Ende noch zu spät zur Münchener Stadtgründung.

Ein Aufstand gegen den Herzog, den er unterwegs, wie sonst nicht unüblich, hätte niederschlagen müssen ... ein Dorn im Hufe seines Rosses – nicht auszudenken: die Münchener Gründungsfeier hätte so rasch nach der Winsener nicht stattfinden können. Und kein Festzug, kein Blumenreigen und nicht einmal das angekündigte Feuerwerk von „2500 Leucht- und Knalleffekten“ hätte pünktlich arrangiert werden können, wäre der Herzog nicht pünktlich von Winsen losgeritten und hätte man von dieser mit Rossegetrappel und Waffengeklirr erfüllten Strecke nicht melden können: ‚Zwischen Luhe und Isar alles o.k. Herzog hält Tempo durch ...‘

P.S. Heinrich der Löwe war 29 Jahre alt, als er die große Gründungsstrecke Winsen–München in Rekordzeit bewältigte. Sein Ritt führte ihn damals an einer sehr bedeutenden Stadt vorbei: Bardowiek mit Namen. Er war 60 Jahre, als er wieder einmal des Weges kam, wobei er, der Städtegründer, Anlaß nahm, das nicht brav gebliebene Bardowiek so gründlich zu zerstören, daß es heute statt einer Stadt nur noch ein Städtchen ist, an dessen gewaltigem Dom die Inschrift angebracht ist: Leonis Vestigium...