Dd, Wiesbaden

Bei der diesjährigen Arbeitstagung der Landesdenkmalspfleger konnte der gastgebende Landeskonservator von Hessen, Dr. Feldtkeller, mit Stolz darauf hinweisen,daß das älteste Denkmalsschutzgesetz Deutschlands vor mehr als fünfzig Jahren in einem Teil dieses Landes in Kraft trat: 1902 hat der Darmstädter Landtag die gesamte Denkmalpflege geregelt und den Landesbehörden übertragen; damit war eine Entwicklung abgeschlossen, die schon Großherzog Ludwig I. auf Betreiben seines Hofbaumeisters Georg Moller mit einer Verordnung zur Inventarisierung und Erhaltung aller historisch und künstlerisch wertvollen Bauwerke eingeleitet hatte.

Indessen: die gesetzliche Regelung der Denkmalpflege ist trotz dieser hessischen Ansätze fast überall in Deutschland in den Anfängen steckengeblieben, und von einer Inventarisierung aller schutzwürdigen Bauten kann nicht die Rede sein – ganz anders als in Frankreich, wo es eine von Staats wegen kontrollierte Denkmalliste gibt und aus dem Staatssäckel auch praktisch die gesamte Denkmalpflege bezahlt wird.

Der Bundesbürger ist meist der Auffassung, die Kultur sei Ländersache. Daran ist nur so viel wahr, daß sie nach dem Grundgesetz jedenfalls nicht Bundessache ist. Die Länderregierungen andererseits wissen, daß ihre eigenen Zuständigkeiten auf diesem Gebiet sehr weit hinter denen der Gemeinden zurückbleiben. So steht auch kein Gebäude unter Denkmalsschutz, es sei denn, die Gemeindeväter hätten es unter diesen Schutz gestellt. Der Landeskonservator ist – sogar in Hessen, trotz jenes Gesetzes von 1912 – nur ein Gutachter, der seinen Einfluß geltend macht, aber gegen die Ortsbehörden wenig ausrichten kann. Und er ist immer wieder stolz, wenn er diesen oder jenen Bürgermeister überreden kann, den Umbau eines alten Fachwerkhauses in ein modernes Geschäftshaus zu verhindern.

Die Unvollkommenheit des Denkmalsschutzes, die den meisten Bürgern kaum bewußt ist, steht in auffallendem Gegensatz zu der wenigstens gesetzestechnisch vollkommenen Regelung des Naturschutzes. Nach dem Reichsnaturschutzgesetz von 1935 und der Naturschutzverordnung von 1936, die heute unverändert gelten, sind bestimmte Pflanzen und Tiere, Landschaftsteile, Naturschutzgebiete und Naturdenkmale gegen jede Zerstörung und Veränderung geschützt. Alle Naturdenkmäler werden von Staats wegen in einer Liste erfaßt, mögen sie nun in privatem, gemeindlichem oder staatlichem Eigentum stehen. Wer sie ohne Genehmigung antastet, auch als Grundstückseigentümer, hat mit Geldstrafe, Haft oder Gefängnis zu rechnen.

Während also „Felsen, erdgeschichtliche Aufschlüsse, Wanderblöcke, Gletscherspuren, Quellen, Wasserläufe, Wasserfälle, alte oder seltene Bäume“ gemäß Paragraph drei des Naturschutzgesetzes tabu sind, gibt es keine Stelle, die es dem Bürgermeister von Dingsda verbieten könnte, sein altes Rathaus abzureißen. Man darf auch eine Burgruine abtragen, nicht aber den erdgeschichtlich aufschlußreichen Felsen, auf dem sie steht...