Wer dauernd im Schatten lebt, verkümmert. Die Deutsche Partei möchte aus dem Schatten der CDU heraus, aber sie weiß nicht, wie. Auf ihrem Parteitag in Berlin verlangten die Delegierten – zumal die jüngeren, die aus ihrem Ärger über die Parteiführung kein Hehl machten – "mehr Aktivität". Aber Aktivität allein genügt nicht. Sie muß auf konkrete, überzeugende Ziele gerichtet sein. Gibt es solche Ziele, die nur innerhalb der DP zu erreichen sind?

Diese Frage wurde auf dem Parteitag nicht diskutiert. Es ist im Grunde die Frage nach der Existenzberechtigung der DP.

Daß sie in Niedersachsen eine Aufgabe und eine zuverlässige Wählerschicht hat, steht außer Frage. Dort ist die DP bodenständig. Dort hat gerade diese Wählergruppe eine lange Tradition. Aber im Bundesgebiet? – Es gab eine Zeit, da glaubte die Deutsche Partei, das große konservative Sammelbecken werden zu können. Sie erhoffte sich nicht zuletzt aber auch aus den Reihen derer Zulauf, die mit Recht über die Denazifizierung verärgert waren. Man weiß allerdings, daß ähnliche Spekulationen einst auch bei einem Teil der FDP angestellt wurden. Manch geheimgehaltener Brief, manch vertrauliches Gespräch gaben still Zeugnis von einer Bundesgenossenschaft zwischen Exponenten der beiden Parteien. Aber die vagen Hoffnungen sind dann jäh nach der Bundestagswahl vom September 1953 zerplatzt, weil es sich dabei zeigte, um wie vieles der Name Adenauer und die blühende Konjunktur zugkräftiger waren als wirklichkeitsferne Spekulationen. Die waren litenrolle der DP im Bundestag stand bald fest. Und die Wahl vom 15. September 1957 bestätigte Und was allgemein erwartet worden war: Nur mit 17 Abgeordneten zog die DP in den Bundestag ein. Und zur Zeit sind es nur noch 16 Bundestag nete, da der schleswig-holsteinische Politiker Eisenmann zur FDP übertrat. Von der Möglichkeit weiterer Übertritte wird gemunkelt.

Eisenmann hat sich abgewendet, weil er sich in der Frage der atomaren Bewaffnung von der Linie der CDU zu distanzieren wünschte. Staatssekretär Sonnemann vom Bundesernährungsministerium, der einst der DP angehörte, ist nicht zuletzt deshalb zur CDU hinübergewechselt, weil er den agrarpolitischen Kurs seiner alten Partei nicht mehr vertreten zu können glaubte. Dieser Kurs war unter der Führung des Landwirts Logemann immer stärker von den wirtschaftlichen Interessen der niedersächsischen Bauern beeinflußt worden. Wie lange aber wird wohl Logemann dieses wenig aussichtsreiche Spiel mitmachen wollen?

Der Kanzler soll Hellwege, den die Anziehungskraft der mächtigen CDU auf seine um ihre politische Existenz bangenden Parteigenossen mit Sorge erfüllt, zugesichert haben, die CDU werde absprungbereite DP-Abgeordnete nicht mehr in ihren Reihen aufnehmen. Aber es gibt Zerfallserscheinungen, gegen die keine Kanzlerzusage hilft.

Auch der forsche Erste Stellvertreter Hellweges, der Fraktionsvorsitzende der DP im Bundestag, Schneider (Bremerhaven), der auf dem Berliner Parteitag mit Hilfe der jungen Delegierten den Bundesminister von Merkatz bei der Wahl des stellvertretenden Vorsitzenden überspielte, wird kaum eine Entwicklung aufhalten können, die auch andere kleine Parteien bereits zerrieben hat. Zur Fraktionsstärke gehören im Bundestag mindestens 15 Abgeordnete. Die DP ist nahe daran, diese Grenze zu unterschreiten. Sollte dies geschehen, dann wäre sie auch formell nichts anderes mehr als das, was sie heute bereits de facto ist: eine kleine konservative Gruppe im Gefolge der CDU. Robert Strobel