Dies ist die Frage: Wird die internationale Strategie Moskaus in erster Linie von den nationalen Interessen bestimmt oder entspringt sie der kommunistischen Ideologie und kann daher nur unter dem Aspekt des Marxismus-Leninismus richtig gedeutet werden?

Die Beantwortung dieser Frage ist entscheidend für jeden, der sich mit weltpolitischen Problemen befaßt. Auch die Perspektiven der deutschen Wiedervereinigung hängen entscheidend davon ab, ob die Außenpolitik des Kremls doktrinären Impulsen folgt oder ob ihre Ziele Nützlichkeitserwägungen entspringen. Dient sie primär der Ausbreitung – des Kommunismus, dann ist es eine Illusion, zu erwarten, daß die sowjetischen Führer jemals – es sei denn unter schwerem äußerem Druck – bereit sein könnten, die deutsche „Einheit in Freiheit“ zu akzeptieren. Überwiegt aber die national russische Komponente, dann hat eine geschickte deutsche Außenpolitik mindestens eine Chance, diese Bereitschaft herbeizuführen.

Der neue sowjetischjugoslawische Konflikt, den Chruschtschow letzte Woche mit seiner Rede auf dem Parteitag der bulgarischen Kommunistischen Partei einen wichtigen Schritt weiter führte, gibt in diesem Zusammenhang wichtige Hinweise. Der sowjetische Ministerpräsident und Erste Parteisekretär hat mit seinen Ausführungen in Sofia, die überwiegend einer großangelegten Abrechnung mit Tito und dem „Titoismus“ galten, keineswegs nur Balkan-Politik getrieben. Was der Kreml-Boß dort sagte, ist – wie überhaupt die ganze Kontroverse zwischen Moskau und Belgrad – eine eklatante Bestätigung dafür, daß die Sowjetführer nach wie vor am Primat der Ideologie festhalten. Gerade die Deutschen haben womöglich noch mehr Interesse als irgend jemand sonst, daraus ihre Lehren zu ziehen.

Was beim Studium von Chruschtschows Rede vor allem in die Augen springt – und was die ganze Schärfe seines Verdammungsurteils über die jugoslawischen Genossen erst verständlich macht – ist die These von der unüberbrückbaren Kluft zwischen dem sozialistischen und dem imperialistischen Lager. Alles, was der führende Mann der Sowjetunion gegen die Theorie und Praxis Belgrads vorzubringen hat, fließt letztlich aus dieser seiner Grundvorstellung. Die „imperialistischen Machthaber“ sind bestrebt, „die sozialistischen Staaten vom Erdboden zu vertilgen“, ihren Anschlägen gegenüber hilft nur die absolute, eiserne, disziplinierte „Einheit der sozialistischen Länder“: Dieses Axiom ist der Grund- und Eckstein des ganzen Gebäudes, das Chruschtschow aufführt. Was aber ist dieser Grundstein anderes als eine ideologische Konstruktion, eine stillschweigende Übertragung des Klassenkampf-Theorems in das Feld der internationalen Politik?

Nur aus solcher Sicht kann man in der Philippika des „roten Papstes“ gegen die jugoslawischen Ketzer etwas anderes sehen als eine scholastische Übung in parteichinesischem Bla-Bla. Wenn man sich jedoch seine zugrunde liegende Vorstellung von dem .unversöhnlichen Gegensatz der beiden Blocks vor Augen hält, so erscheint der Bruch mit Belgrad logisch und zwangsläufig. Die Gleichsetzungen, mit denen er begründet wird, erwachsen unmittelbar aus dem fundamentalen theoretischen Ansatzpunkt: die Gleichsetzung des Titoismus mit dem „Revisionismus“ und der Revisionisten mit den „Kundschaftern des imperialistischen Lagers“.

Der Westen unterstützt Jugoslawien ökonomisch (während die UdSSR ihre zugesagten Kredite suspendiert hat)? „Aber es ist doch bekannt“, argumentiert Chruschtschow, „daß die Imperialisten niemals und niemandem Geld umsonst geben: sie investieren ihr Kapital nur in den Unternehmen, von denen sie gute Profite erhoffen.“ Diesen Profit sieht er darin, daß die jugoslawischen Kommunisten und alle andern Revisionisten „in Wirklichkeit, ob sie es wollen oder nicht, die Rolle eines Handlangers des Klassenfeindes in der Arbeiterbewegung spielen“, daß sie sich dazu hergeben, das „trojanische Pferd“ des Imperialismus zu sein.

Wenn aber Tito und seine Genossen „Agenten des Klassenfeindes“ sind, dann kann auch die Auseinandersetzung mit ihnen nicht mehr die Formen „brüderlicher Kritik“ annehmen. Der „Agent“ des Gegners in den eigenen Reihen ist in der kommunistischen Politik immer als der Hauptfeind betrachtet und behandelt worden, den es in erster Linie zu entlarven und zu liquidieren gilt, um in Doktrin und revolutionärer Praxis die „Einheit der marxistisch-leninistischen Parteien“ herzustellen und zu erhalten.