M. D., London, im Juni

Duncan an Sandys, der einsame, rücksichtslose und bei vielen unbeliebte englische Verteidigungsminister, hat das Unterhaus letzte Woche in Erstaunen versetzt: In einer Verteidigungsdebatte sprach er über die Abrüstung, als sei er der verträumteste aller Idealisten.

Während seiner Amtszeit hat sich Sandys vor allem durch die Entschlossenheit hervorgetan, mit der er Englands konventionellen Streitkräfte reduzierte und die Verteidigung des Landes ganz auf die „Kraft durch Atomwaffen“ stellte. Letzte Woche deutete er nun unversehens an, daß man vielleicht doch wieder die Möglichkeit einer umfassenden Abrüstung in einem einzigen Schritt ins Auge fassen müsse, wenn sich im Ost-West-Gespräch keine Einigung über einen phasenweisen Abbau der Rüstungen erzielen lasse.

Der englische Verteidigungsminister stellt sich das so vor: In der ersten Phase müßten sich die Weltmächte auf die Errichtung einer Weltsicherheitsbehörde innerhalb der UNO einigen; diese Behörde soll über ein „internationales Inspektorat“ und eine Polizeistreitkraft verfügen. Das Inspektorat soll ein ortsfestes Überwachungssystem unterhalten und dazu ein fliegendes Beobachtungskorps, das überall dorthin geschickt wird, wo eine Aggression droht. Seine Weltpolizei soll stärker sein als die der einzelnen Nationen nach der Abrüstung. Wenn die Behörde erst einmal funktioniere, müßten die Mächte ihre Streitkräfte soweit vermindern, daß sie andere Länder nicht mehr bedrohen könnten. Bis dahin soll die Behörde eine Bestandsaufnahme aller Rüstungen durchführen und eine Liste der zu zerstörenden Waffen aufstellen.

Das Unterhaus hatte sich nachgerade an den brutalen Realismus des Verteidigungsministers gewöhnt, so daß es nicht recht wußte, wie es auf diese offenbar impraktikablen Träumereien reagieren sollte. Die Labour-Party hielt die Sandys-Rede für wenig mehr als frommes Geschwätz: sie ist der Ansicht, daß der Verteidigungsminister die Argumente der Idealisten nur aufgriff, um die Aufmerksamkeit von den dringlicheren Abrüstungsproblemen abzuwenden.

Freilich: es mag mehr an Sandys’ jüngster Initiative sein als nur dies. Seine ins Unreine gesprochenen Gedanken zur Abrüstung sind vielleicht ein Anzeichen dafür, daß die Regierung Macmillan von der Angst befallen ist, die Wählerschaft werde sie zunehmend mit einer teuren, unnachgiebigen und phantasielosen Verteidigungspolitik identifizieren – ein Anzeichen auch dafür, daß London jetzt mehr Rücksicht auf die öffentliche Meinung in den neutralen Ländern nehmen will.